Elefant für dich. Oder: Nach dem Kinderwunsch

Neulich haben Jonas und ich das Lied „Elefant für dich“ von Wir sind Helden gehört. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich in der Küche räumte. Ich dachte daran, wie schlecht es mir ging, als Christoph und ich uns kennenlernten. Und daran, dass ich, kurz nachdem wir zusammengekommen waren, wieder Schluss gemacht hatte. Zu heil. Zu gut. Zu gut für mich. Und daran, wie Christoph mich in einer Arbeitspause in der Bibliothek zu einem Kaffee überredete und wie wir inmitten von betriebsamem Pausen-Kaffee-Gewühl an einem kleinen Tisch saßen, beide irgendwie ratlos und irgendwie traurig und er mir erklärte, warum das alles ganz falsch gedacht von mir sei.

Dazu hatte er sich etwas ausgedacht. Er hatte über seinen Lieblingstheoretiker nachgedacht und trug mir eines seiner Argumente vor, das ich vergessen habe. Nicht vergessen habe ich aber, dass sein zweites Argument von Wir sind Helden kam. Er könne zweifelsohne ein Elefant für mich sein und mein Gerümpel mit mir tragen. Eine Woche weiter war ich dann auch so weit, mich zwar nicht von fadenscheinigen Argumenten, aber doch einem stabilen Gefühl echter Verliebtheit und leisem Zutrauen überzeugen zu lassen.

Daran denke ich, während ich mich bemühe, ein wenig Oberflächenstruktur in unser Arbeitsplattenchaos zu bringen, als Jonas mich fragt: „Mama, wieso wird die ein Elefant? Man kann doch gar kein Elefant werden? Und warum will die ein Elefant werden?“ Da muss ich lachen und höre auf, einer kleinen Stunde von vor zwölf Jahren nachzuhängen.

Jonas will auch bei allen folgenden Liedern wissen, was da los ist. Was getragen, geschützt und behalten werden soll. Ich erkläre, so gut ich kann und denke dann, wie gut es ist, dass mein Kind in seiner Kinderwelt lebt, von der aus die Erwachsenenwelt sich wie ein kurioser ferner Stern mit seltsamen Regeln ausnimmt.

Abends denke ich darüber nach, dass alle – auch ich – immer sagen, dass das Leben auch nach unerfülltem Kinderwunsch weitergeht und dass es auch nicht schlechter sein muss. Ich sage das. Und ich meine das. Aber für meine ganz eigene Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Etwas in mir wäre endgültig kaputt gegangen. Etwas, an das ich mich durch Christoph getraut hatte zu glauben.

Vermutlich wäre auch das nicht passiert und es ist ganz sicher auch nicht gut, sein Seelenheil an Kinder zu hängen. Und wäre mir das mit dem Wunsch nach einem Kind nie passiert, dann wäre ich mit Freunden und Christoph schon gut in Richtung Seelenheil vorangekommen. Aber an Familie – ich welcher Form auch immer – hatte ich nie gedacht. Vor Christoph jedenfalls.

Und mit ihm kam der Gedanke und dann der Wunsch, und der ging nicht mehr weg. Eltern haben, Kinder haben, einander vertrauen können. Das war auf einmal nicht mehr diese Werbeanzeige, die mit meinem Leben gar nichts zu tun hat. Nein, das schien möglich, und es schien gut, und es musste ja gar nicht die Hauptsache in meinem Leben sein. Ich hatte ja eine ehrgeizig verfolgte Karriere. Nur zwei Kinder so nebendran. So sollte das sein. Einfach nur, weil es geht.

Und dann ging es nicht. Und hat mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, auf dem es gar nicht so schön und einfach aussah, sondern wie in einem ziemlich unaufgeräumten Keller. Ich will jetzt hier nicht ausbreiten, was da alles nicht so gut gelaufen ist in meiner Kindheit und Jugend. Ich verstehe es eigentlich selbst – auch nach zweieinhalb Jahren Therapie – nur so halb. Ich verstehe es jetzt eigentlich eher so vermittelt, weil auch Christoph sich immer fragt, was mit meinen Eltern eigentlich so los ist.

Er fragt sich das immer noch drei Tage, nachdem sie wieder weg sind. Er kann gar nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken, sich aufzuregen und dann diese oder jene Sache noch einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich sehe mir das an, nicke verständnis-, aber ratlos und denke mir, dass das genau das ist, was sie machen und dass man nie versteht, was sie so ganz genau machen. Vielleicht es es eher das, was sie alles NICHT machen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist Christoph eigentlich eher jemand, der mein Umundumwenden von Jemand-ist-seltsam-Geschichten freundlich, aber mit Stirnrunzeln begleitet. Aber bei meinen Eltern, da macht er das selbst. Drei Tage lang. Er versteht es selbst nicht. Irgendetwas tun sie, das ihn dazu bringt. Ich sehe mir das erstaunt an und denke mir, dass das wirklich allerhand ist, zu was sie meinen Christoph so bringen.

Gut. Es war also nicht so gut. Es ist besser geworden, als ich ausgezogen war. Noch in der Schulzeit. Aber ich war echt ein Wunderling. Das muss ich rückblickend schon sagen. Und dann war es schlimmer. Ich hatte einen ziemlichen Tiefpunkt so zwischen 22 und 26. Und dann wurde es besser und dann kam Christoph. Und dann diese Idee, es könnte tatsächlich auch mit mir und einer Familie gut sein.

Und dann kam keine Familie. Und das tat nicht nur höllenweh, sondern hatte auch eine bizarre Konsequenz und Logik, wenn ich mir mein Leben so von außen ansah. Und dann kam die Panik.

Und dann war ich schwanger.

Es erstaunt mich noch heute, dass ich keine überängstliche Mutter geworden bin. Ich sehe zwar ständig vor dem inneren Auge, wie eines meiner Kinder einen fürchterlichen Unfall erleidet, schaffe es aber aus mir unerfindlichen Gründen trotzdem, sie allein laufen zu lassen.

Ich bin wahnsinnig glücklich mit meinem ersten Kind. Ich bin aber auch wahnsinnig misstrauisch. Darf ich das behalten?

Und dann bin ich wieder schwanger. Und als dieses zweite Kind da ist, da ist es plötzlich gut. Ich fand es – als es passierte – selbst albern und lächerlich, aber ich hatte so eine Art Erlebnis beim Rückbildungs-Yoga. In meinem Mein-Kind-und-ich-Hormon-vernebelten Hirn hat es bei irgendeiner Entspannungübung plötzlich Klick gemacht. Als wenn etwas eingerenkt wäre. Ich hatte plötzlich diesen Gedanken, nein, diese Gewissheit, dass es jetzt wieder gut ist, dass ich wieder heil bin. Vielleicht sogar so heil, wie ich es noch nie war.

Ja, ich weiß, Hormone und so. War aber so.

Auch dies ein Kämmerchen, in das ich mich zurückziehen kann, wenn es mir etwas zu viel wird oder die Angst zu groß wird. Ja, die Angst ist geblieben, die gehört jetzt zu meinem Leben. Das ist okay, ist mein etwas bissiges Schoßtierchen. Und trotzdem bin ich heil.

Und das wäre – in MEINER Geschichte – ohne die Kinder schwieriger geworden. Ich weiß, dass ich den Kindern damit auch irgendwie etwas aufbürde. Und zugleich bin ich so hemmungslos glücklich über sie und so rettungslos verliebt in sie, dass ich mich traue, es einfach okay sein zu lassen. Es ist in Ordnung, auch in Ordnung, dass sie mir geholfen haben. Dafür bin ich jetzt ein Elefant für sie, wenn sie wollen, ihr Leben lang.

Verdammt. Ich hoffe, das geht gut. Fühlt sich – rückblickend auf das erste Viertel meines Lebens – an wie unangeschnallt auf der Autobahn bei Tempo 180.

6 Gedanken zu “Elefant für dich. Oder: Nach dem Kinderwunsch

  1. Und genau das ist der verdammte Grund, warum ich mir diesen ganzen KiWus-Mist immer und immer wieder antue. Ja, man kann auch ohne glücklich werden- ganz bestimmt.
    Aber ich weiß einfach, dass da immer etwas fehlen wird. Ich weiß einfach, dass wir momentan nicht vollständig sind.

    Und ja – die Eltern… Auch bei mir eine sehr schwierige Konstellation. Daher kann ich deine Worte sehr gut nachvollziehen.

    Sehr, sehr schöner Text übrigens wieder :-*

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    1. Danke. Freut mich sehr. Ja, stimmt. Ohne diese Aussicht würde man den Mist nicht machen. Und irgendwie bleibt der Mist auch. Nicht schlimm. Aber Erfahrungen dieser Größenordnung verschwinden eben nicht einfach so wieder. Lg Tina 🌷

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  2. Oh, wie wundervoll du es in Worte gefasst hast.

    Mein Text wäre ähnlich, auch ich bin ein Wunderling. Meine Eltern schaffen es auch meinen sonst so stoisch ruhigen Mann zum Grübeln zu bringen, auch ich bin ratlos- und auch oft wortlos…was soll ich noch sagen, nach sovielen Jahren des Nicht- Begreifens. Heute denke ich: ich akzeptiere es, auch wenn ich nicht verstehe!

    Wir sind nicht am Ende des Kinderwunsch- Weg, allerdings ist schon eine ganz große Menge heil geworden dadurch. Ich hatte auch den „Klick- Moment“ im Prinzip hält er noch an und ich stehe manchmal verwundert daneben und gucke mir selbst ungläubig zu…während ich unverwüstlich daran glauben: das hier wird gut werden!

    Danke für deine Worte ❤

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    1. Ich drücke alle Daumen fürs Gut-Werden. Irgendwie ist ja wirklich schon ganz schön viel gut, wenn man sich trotz nicht so schöner Familie selbst für eine entscheidet, finde ich. Unfair, wenn es dann nicht klappt. Lg Tina ⚘

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