EDIT: Grmbl. Aber: Wieder da

EDIT: Danke, Manuka, habe auch wieder auf online gestellt (auch wenn hier gerade eh nicht viel passiert). Schreibe dann bald wieder. Fand es in den letzten Tagen wirklich blöd – da bricht eine ganze Kultur ein. Hat mich auch beruflich getroffen. Bin da aber eh online geblieben. Finde dieses private aber noch viel wichtiger.

Bis bald. Versprochen. Jetzt erstmal Urlaub.

Liebe Grüße,

Eure Tina 🙂

*********************

 

Ich finde Datenschutz ja auch super. Aber das ist doch nun mal wieder echt das Pferd von hinten aufgezäumt.

Weil ich gerade keine Zeit dafür habe, mich mit PlugIns und Datenschutzverordnungen zu befassen und so nebenher ja auch beruflich noch einen Blog neben 1.000 anderen Dingen zu pflegen habe (bei dem ein Team daran sitzt, diese Probleme für mich zu lösen), stelle ich hier erstmal auch auf privat um.

Das wird nicht von Dauer sein, denke ich.

Und dann lade ich auch gern ein – und werde gern eingeladen.

 

Fürs Erste an dieser Stelle: Macht es gut während der Sommerpause. Man muss die Feste ja feiern, wie sie fallen. Hier also eine gesetzlich verordnete Sendepause. Wir sehen uns sicher bald wieder. Danke für Alles.

Eure Tina

Advertisements

Kinderwunsch und, ach nein… besser ODER Sex

Zu meinem Blog gehört ja eine E-Mailadresse. Selten genug schaffe ich es, dort vorbei zu schauen. Dabei erwarten mich dort oft nette Worte aus der Welt des aktiven Kinderwunsches. Darüber freue ich mich immer sehr. Neulich fand ich dort eine Bitte vor. Jemand in einer der besonders steinigen Phasen (ja, ich weiß, die sind alle steinig) bat mich, etwas darüber zu schreiben, was der Kinderwunsch und insbesondere unsere Entscheidung für die Familiengründung mit Samenspende mit unserer Sexualität gemacht hat. Eine schöne Frage. Eine wichtige Frage.

Ich versprach, ein wenig nachzudenken und dann etwas dazu zu schreiben. Zum Nachdenken komme ich für meinen Geschmack deutlich zu wenig, aber immer mal vom Weg von Büro zu Kita zu Schule zum Einkaufen schaffe ich es dann doch. Obwohl ich es eigentlich auch sehr gern mag, wenn mal kurz Ruhe ist. Auch in meinem stets übervollen Kopf. Über Sex denke ich aber gern und ausführlich mal nach. Dabei ist ungefähr Folgendes herausgekommen.

Auf einer Tagung erzählte mir neulich eine Kollegin von Freunden, die keinen Sex vor der Ehe haben wollten, geheiratet haben und dann sofort schwanger waren. Einer anderen Kollegin und mir entglitten bei dieser Vorstellung sofort die Gesichtszüge. „Da sind ja gleich mehrere Jahre Spaß futsch“, riefen wir unisono. Erst jahrelang aufsparen und dann kommt sofort ein Kind, so dass man auch keine Zeit hat, den Spaß in aller Ruhe nachzuholen.

Die gute Nachricht ist: Zu keinem Zeitpunkt meines unerfüllten Kinderwunsches hätte ich mit diesem Paar tauschen wollen. Die schlechte ist, dass es wirklich nicht sehr schön ist, was der Versuch, ein Kind zu zeugen, mit dem Sexualleben so anstellt. Nachdem es die ersten zwei, drei Monate aufregend ist, Sex mit dem Gedanken zu haben, dass man vielleicht gerade ein Kind zeugt, wird Sex spätestens nach einem halben Jahr von einer schönen, zuweilen an Unorten und zu Unzeiten mal ruhigen, mal wilden, mal verunglückten, mal sprachlos machend beglückenden, mal flüchtigen, mal intensiven Sache zu etwas ganz, ganz anderem. Man hantiert mit Fieberthermometern und Kalendern, untersucht Schleim und wartet auf Leistenziehen.

Wenn alles passt, muss es jetzt passieren. Und zwar nicht nur heute, sondern auch morgen und den Tag danach. Und zwar egal, ob auch nur einer von beiden Lust dazu hat. Allein schon der Gedanke, Sex haben zu müssen, lässt bei mir alle Lichter ausgehen. Christoph geht es genauso. Wir hatten tiefschwarze Momente im Bett damals. Ich erinnere mich wirklich nicht gern.

Und dann kam Christoph nach Hause vom Urologen mit der Nachricht „Nichts, da ist gar nichts“. Und dann war das ein Befreiungsschlag. Sex hatte wieder gar nichts mit Kinderzeugen, sondern mit Liebe und mit Lust zu tun. Es hat mir und uns sehr gut getan, diese beiden Bereiche wieder auseinanderzubekommen.Wenn wir miteinander schlafen wollen, tun wir es um der Sache selbst willen. Zum Kinderkriegen gehen wir in die Klinik. Ich will nicht sagen, dass das ideal ist, aber für uns hat es damals den ganzen Druck aus dem Bett genommen.

Ist ja eigentlich eh total komisch; ohne Sex würden Menschen keine Kinder bekommen (normalerweise). Wenn man an so Dinge glaubt wie eine lenkende Natur, dann hätte sie es vielleicht extra so eingerichtet. Menschen haben aber eigentlich – ich würde sagen – in der Mehrzahl der Fälle nicht Sex, um Kinder zu zeugen, sondern weil sie Lust darauf haben. Deshalb ‚paaren‘ wir uns auch nicht nur zu dem Zeitpunkt, an dem es biologisch sinnvoll wäre, sondern wann immer wir wollen. Sex erfüllt beim Menschen und ein einigen Primatenarten noch ganz andere Zwecke als den Fortbestand der Art zu sichern. Und die meisten Menschen bekommen beim Anblick glücklicher Familien mit ihren vollgematschten Spielplatzkinder nicht sofort Lust auf Sex. Was ich sagen will: Kinder und Familie sind im Spektrum menschlicher Wünsche recht weit von sexuellen Begierden entfernt.

Die neu gewonnene Befreiung unseres Bettes aus der Umklammerung des Kinderwunschterminkalenders kam mit einer zusätzlichen Einsicht: Ich muss nie wieder verhüten. Glückliches Händchen, denke ich mir. Erst mehrere Jahre mit einer Frau zusammen gewesen und dann mit einem fast komplett zeugungsunfähigen Mann. Pillen, Spiralen, Hormonringe, Pflaster, Spritzen und Kondome beschäftigen mich allerhöchstens noch theoretisch. Bin ich froh! Nachrichten über Lungenembolierisiken und Gewichtszunahme betreffen mich nicht. Ich muss nur an meine Schilddrüsentablette denken, wenn ich die mal vergesse, passiert einfach gar nichts.

Die einzige Sache, die mir manchmal aufstößt, ist dass immer wieder Menschen so etwas sagen wie „ach, impotent, das ist ja wirklich zu dumm“. Dann sitze ich da und denke mir „ruhig Tina, die wissen nur nicht das richtige Wort, die verwechseln das, Infertilität ist ja auch echt ein sauschwerer Zungenbrecher, kriegst du ja selbst kaum raus“. Aber in einer ganz kleinen Ecke dahinter sitzt noch ein anderer Gedanke. Und der sagt, dass die jetzt denken, keine Samen zu haben sei dasselbe wie keinen Sex haben zu können. Und das würde ich gern aufklären. Ich möchte aber eigentlich gar niemandem sagen müssen, dass es im Bett wirklich ganz prächtig läuft, dass halt nur keine Spermien im – ja, vorhandenen – Ejakulat sind. Und das fühlt sich ganz schön doof an. Und in der Zeit, bevor wir wissen, dass sie da nicht sind, läuft es ja auch wirklich alles andere als prächtig. Ich jedenfalls murmele in diesen Situationen so etwas wie „naja, Impotenz ist ja nochmal was ganz anderes“.

Neulich erzählte mir ein enger Kollege, dass sein ältestes Kind nicht von ihm sei, was er eigentlich schon zum Zeitpunkt der Schwangerschaft gewusst habe. Mich hat das sehr interessiert. Er hat gar kein Drama drum gemacht, und ich fand das sehr gut. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um zu sagen, dass es bei uns ganz anders und dann doch ähnlich ist. Habe ich aber nicht gesagt, weil es auch ein Kollege meines Mannes ist. Ich dachte, dass Christoph vielleicht nicht will, dass sein Kollege weiß, dass er keine Spermien hat. Warum mache ich das? Weil ich irgendwie annehme, dass Virilität und Fertilität für die meisten Menschen verknüpft sind.

Ich wundere mich trotzdem über mich, dass ich mir das so durchgehen lasse. Ich glaube gar nicht so was wie ‚Männlichkeit‘. Ich verbinde nicht viel Positives damit und habe mir auch keinen besonders ‚männlichen‘, sondern einen netten, lustigen, klugen und schönen Mann ausgesucht, der Bücher liebt und gern kocht. Das finde ich sexy. Nicht etwas, das irgendwer für ‚männlich‘ hält (was immer das sei… im Baumarkt über Schlagbohrer fachsimpeln können? Selbst die Sommerreifen aufziehen? Die Spülmaschine selbst reparieren können? Alles sicher sehr nützlich, aber möglicherweise eher eine Erfindung um Dinge zu verkaufen und jedenfalls nichts, was für mich ganz oben auf meiner „sollte mein Partner unbedingt haben/können/sein“ steht). Und selbst wenn man auf breite Schultern im Achselshirt und Männerschweiß steht, der durch durch harte körperliche Männerarbeit entstanden ist – mit dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Samenfäden und deren Performance hätte auch das nullkommagarnichts zu tun. Ebenso wie Frauen in Sanduhrform wahnsinnig attraktiv sein UND verdreht Eileiter, verklebte Gebärmütter und wunderliche Hormonkonstellationen im Blut haben können. Die Idee, dass Sexyness etwas mit Fertilität zu tun haben müsse, scheint mir ein Atavismus aus unserer Zeit als hochentwickelte Primaten zu sein. Hat jedenfalls mit meinem Leben und meiner Lust gar nichts zu tun.

Da es ja immer ganz gut ist, gesellschaftliche Normvorstellungen nicht im Bett regieren zu lassen, geht es uns also mit der Nachricht ‚hochgradige Teratoastheno usw Spermie“ sehr viel besser im Bett. Der nächste Superkiller für Lust ist ja allerdings Stress. Und den hat man ja nun dicke mit einem 4-ICSIs in einem Jahr-Terminkalender. Und der Angst, dass es nie klappt. Und all dem schrecklichen Unglück. Der Ohnmacht, der Lähmung, den vielen einsamen und zweisamen Tränen. Die Wut auf den eigenen Körper, der auch nicht so will, wie er soll. Auch das macht keine Lust auf Sex. Der Körper soll funktionieren. Man mutet ihm viel zu. Auch das keine schöne Zeit zu zweit. Und auch hier war es ein Ende, das uns geholfen hat. Schluss mit den ICSIs. Das war eine Entscheidung für mich und meinen Körper.

Manche Menschen sagen ja, dass sie eine Samenspende niemals in Betracht ziehen würden, weil das wie Fremdgehen sei. Ich finde das überhaupt nicht. Fremdgehen ist heimlich und hat – hoffentlich wenigstens das – mit sehr großer Lust zu tun. Eine Insemination, tja, also wer schonmal dabei war, weiß, wovon ich spreche – es gibt kaum etwas weniger Lustvolles. Ich denke schon manchmal an unseren Spender, aber er ist für mich überhaupt keine sexuelle, sondern eine Familienperson. Kann ich schwer erklären.

Nachgefragt und nachgedacht. Zusammenfassend würde ich sagen, dass der Kinderwunsch für unser Sexleben die übliche Totalkatastrophe war bis zum ersten Spermiogramm. Das Körperunglück, das Kinderwunschbehandlungen so mit sich bringen, war dann auch ein ziemlich dicker Dämpfer. Seither aber leidet unsere Sexualität unter den gleichen Dingen, unter denen es bei allen anderen Menschen auch leidet. Dass unsere Kinder mit Samenspende entstanden sind, hat – ich habe darüber jetzt das erste Mal länger nachgedacht – keinerlei eigenen Effekt. Dass wir Kinder haben hingegen, hat einen bedenklich großen Effekt. Aber das bringen Kinder völlig unabhängig von ihren Genen wohl so mit sich.

Hauptsache, man schafft es trotzdem irgendwie oft genug und schön genug. Wär ja schade drum.

 

Das Depot. Oder: Tschüssi, Schwimmerchen

Vor einiger Zeit hatte ich hier im Blog ein Loblied auf das Gesundheitsministerium und seinen Chef, den Gesundheitsminister Gröhe gesungen (ja, der, der jetzt Minister für Bildung und Forschung werden soll… ich denke manchmal darüber nach, ob wir wirklich nur die immer gleichen 14 Nasen haben, die Ministerien leiten können. Wie im Film – als hätte wir auch nur so 10 bis 20 Schauspieler in diesem Land. Während ich es im Kino nur etwas langweilig finde, stimmt es mich in der Politik doch irgendwie bedenklich. Das kann ja nur entweder heißen, dass es krachegal ist, wer so ein Ministerium leitet oder dass die Personaldecke bedrohlich dünn ist. Beides ist mir irgendwie nicht recht. Vor allem meine langjährige Tätigkeit an großen Universitäten, an denen auch die immer gleichen Großkopferten an immer neuen Riesenaufgaben der universitären Selbstverwaltung rumdoktern, lassen angesichts des Berliner Stellenkarussells ungute Ahnungen in mir aufteigen  … ) Äh, wo war ich? Ach ja. Gröhe.

Ich war also begeistert, weil das BM unter Gröhe ein Gesetz zum bundesweiten Samenspenderregister auf den Weg gebracht hat. Ich finde das immer noch eine ganz tolle Sache. Alle Spender sind dort registriert und die Spenderkinder müssen weder Samenbank noch Notar bemühen – sie können nach das bundesweite Register bemühen, wenn sie etwas über ihre genetischen Wurzeln erfahren möchten. Da ich ja 100, ach was 500%ige Verfechterin des Gedankens bin, dass man seine mit Gametenspende entstandenen Kinder über ihre Entstehung von klein auf aufklären sollte, finde ich natürlich auch so ein Register eine ganz tolle Sache.

Toll ist sie vor allem, weil Spenderkinder jetzt nicht mehr würdelos gerichtlich erklagen und damit auch noch ihren Mamas und Papas auf dem gemarterten Seelenleben herumtrampeln müssen. Sie können heimlich, still und leise oder auch offen, aber jedenfalls ohne großes Brimborium an die Daten kommen. Es kann auch keine Samenbank erzählen, die Unterlagen seien bei einem Wasserrohrbruch vernichtet worden.

Moment mal. Wasserrohrbruch? Wo gibt’s denn so was? Tja, ja, Gibt’s. Und zwar in Essen. In unserer Samenbank, da ist das – angeblich – schon vorgekommen. Die fraglichen Daten tauchten zwar später – huch! – doch wieder auf, aber ich will das alles für unsere Kinder natürlich nicht. Deshalb ist ein Register sowas tolles.

Aber jetzt. Das Register kommt ja erst 2018. Und nein, alle bisherigen Spenden werden nicht registriert. Klar. Und wer jetzt richtig gut mitgedacht hat, hat auch ein Problem gesehen, dass ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Bis zu einem Anruf vor einigen Wochen. Ein wirklich sehr freundlicher junger Herr informierte mich, dass ich ja umgezogen sei (jaaa, das stimmt – ich hatte es Ihnen zwar schon ca. 4 mal gesagt, aber das war ja auch noch gar nicht sooooo oft und wir wohnen ja auch erst 2 Jahre hier). Und deshalb sei ihr Brief zurück gekommen. Aber er könne mir das jetzt auch am Telefon sagen.

Dass wir unsere Proben nämlich nur noch bis zum 30. Juni 2018 verwenden dürfen. Danach bedürfe es der Einwilligung unseres Spenders, sich registrieren zu lassen. Und die liege nicht vor. Der Einfachheit halber sollten wie das Depot einfach kündigen. Können wir aber auch lassen. Es wird nämlich so oder so vernichtet.

Boing.

Einige (viele) Tage später kam der Brief dann auch noch. Selber Inhalt. In ungeordneter Reihung gehen mir jetzt folgende Dinge durch den Kopf:

  • Unser Spender hat der Registrierung nicht zugestimmt, also würde er auch einem Treffen mit unseren Kindern nicht zustimmen. Abzug von mindestens 1.000 durch super Kinder vorgestreckten Sympathiepunkten. Sorge um Kinder, dass sie von doofem Spender stammen.
  • Unser Spender hat nur sehr kurz gespendet, dann selbst ein Kind bekommen. Das war 2010 – warum sollte er sich jetzt noch registrieren lassen? Wäre Aufwand, von dem er gar nichts mehr hat. Wichtig ist es ihm aber auch nicht. Hätte ich auch nicht gedacht, finde ich trotzdem blöd.
  • Unsere Kinder stammen erzeugerseitig beide aus dem Jahr 2010, wurden aber 2011 und 2015 geboren. Voll strange!
  • Das Depot – es sind noch 15 Straws, die für weitere 5 Versuche reichen würden – war meine Versicherung. Wenn einem meiner bezaubernden Kinder was passiert, kann sie nichts auf der Welt ersetzen, aber so lange es noch geht, will ich dann noch ein Kind. Ein genetisches Geschwisterkind.
  • So lange das Depot da ist, bin ich zwar theoretisch immer noch ’sekundär steril‘, wie es die Krankenkasse so schön ausdrückt, aber zugleich ‚tertiär fertil‘ (wie ich es nicht ausdrücken würde). Also known as: Wenn das Depot weg ist, bin ich faktisch in den verdammten Wechseljahren. Meine Fruchtbarkeit liegt eingefroren in Essen. Verdammt.
  • Nicht, dass meine Fruchtbarkeit mir derzeit besonders wichtig wäre – offengestanden bringen uns hier schon zwei Kinder und zwei Vollzeitjobs regelmäßig an den Rande des Nervenzusammenbruchs und als Christoph neulich das Baby seiner Kollegin angluckste und meinte „Ach, Tina, noch einmal so ein Kleines, das wär’s…“, da dachte ich, ich hör nicht richtig. Ständig ist hier Gezerre um Arbeitszeiten und Logistik und dann das. Naja, träumen darf ja jeder.
  • Ach, ja. Und nie mehr so ein Kleines. Schon auch komisch. Also, bis Juni würden wir noch… 4 Versuche… Ach, Quatsch.
  • Lebt wohl, kleine Schwimmerchen. Durch den zufälligen Griff eine*r MTA wurde aus keinem von Euch ein kleines Wunder. Aber im Ernst: Das ist das Schicksal der wirklich *räusper* stark überwiegenden Mehrheit von Spermien.
  • Mögt Ihr Monty Python? No Sperm is wasted//Every Sperm is sacred…
  • Sagte ich es schon? Unser Depot wird vernichtet. Und: Ich. Find. Es. Voll. Blöd.
  • Voll!

… und immer noch das Register gut. Naja. So spielt das Leben. Mal geht es Dir schlecht/Dann geht’s Dir wieder gut/Ich jedenfalls trag jetzt immer einen Hut*

*Dieser Beitrag wurde mit großzügiger Unterstützung eines wirklich ganz ausgezeichneten Primitivo verfasst 😉

Weihnachten. Oder: Ach…

Hallo, Ihr Lieben. Wie behandelt Euch die Vorweihnachtszeit? Für viele Kinderwünschler/innen ist die Zeit um Weihnachten ja besonders schlimm, weil die Vorstellung, ein Kind mit leuchtenden Augen ein besonders starkes Bild für das Glück ist, ein Kind zu haben. Und ein Kind zu sein.

Ich mag Weihnachten nicht besonders gern. Fand in der Kinderwunschzeit nur immer, dass Weihnachten genauso wie Ostern, Geburtstag und alle anderen jährlich wiederkehrenden Tage so große Wegmarken sind. Oh, schon wieder hier. Immer noch kein Kind. Weia, wenn ich das letztes Jahr gewusst hätte, keinen Schritt wäre ich weitergegangen. Meine Füße haben mich ja nur deshalb immer weiter getragen, weil ich ganz sicher war, dass mein Schattenwurf auf die Wegmarke meinen Bauch als eine dicke Kugel zeigen würde. Das war nicht so. Und irgendwann drehte es sich um. Ich war mir ganz sicher, dass ich immer weiter allein würde gehen müssen.

Das war am Ende nicht so. Und jetzt freue ich mich schon, wenn ich mir denken kann, ‚Mensch, Tina, denk an, jetzt hast Du zwei Kinder, wer hätte das vor 8 Jahren gedacht?‘ In Wahrheit denke ich das aber jeden Tag. Wirklich jeden Tag. Gestern haben wir zu dritt auf dem Sofa getobt. Wir haben Wackelturm gespielt. Ich unten, Jonas auf meinem Rücken, oben quietschend Ida. Dann wackeln. Dann fallen meine Kinder um, als hätte ein Büffel sie weit von sich geschleudert. Und ich liege unten und es zwickt mich in den Augenwinkeln. Da steigen immer noch Tränen über mein Glück hoch. Über das Davongekommensein.

Manchmal brizzelt es auch in den Augen, weil ich daran denken muss, wie allein mein Bruder und ich zwischen dem Unglück meiner Eltern oft waren. Meine Kindheit fühlt sich an wie die Aneinanderkettung leerer Nachmittagsstunden. Meine Mutter, mein Bruder und ich sitzen am Wohnzimmertisch wie in einer Wartehalle. Meine Mutter raucht. Sie raucht immer weiter. Und beim Rauchen legt sie Patiencen. Sie legt Streitpatiencen. Dafür braucht man eigentlich zwei Streitparteien. Meine Mutter hat sich aber immer schon auch mit sich selbst überwerfen können; es war das perfekte Spiel für sie. Alle halbe Jahr kaufte sie ein neues Deck. 104 kleine Karten, 52 davon hinten hellblau, 52 rosa. Darauf zwei kleine Vögelchen in einem Zweig. Sie spielte von morgens bis abends, die linke Hand mit der selbstgedrehten Zigarette neben dem Kopf, den Ellenbogen aufgestützt. Auf den Karten bildeten sich kleine Dreckplacken, die sie manchmal abkratzte. Mein Bruder und ich saßen dabei. Es war oft sehr still bei uns.

Manchmal war es auch lustig. Wir haben uns viel erzählt. Doch, so nah meine Mutter auch bei uns war, sie war auch immer unendlich fern. Sie war da, aber nicht für uns.

Und wenn ich jetzt bei meinen Kindern sitze, dann hoffe und bete ich, dass sie meine Anwesenheit nicht genauso empfinden. Und zugleich denke ich mir, dass es eigentlich ganz einfach ist, für seine Kinder da zu sein. Es ist kinderleicht. Man braucht nur da zu sein. Aber anders als die physische Anwesenheit meiner Mutter. Richtig da. Mit Ohren und Augen. Es geht fast nicht anders. Sie überschütten mich mit ihrer Kinderliebe. Jonas renkt seine spinnendünnen Krakenarme um meinen Bauch und lächelt mich versonnen an. Ida biegt auf strammen Kleine-Mädchen-Waden um die Ecke, wirft sich an meine Knie. „Maaaamaaaa!!!“ Strahleaugen. Und dann stehe ich da und kann mein Glück nicht fassen. Bin ganz eingewickelt in mein Kinderglück. In diesen großen selige-Liebe-Kokon, in den sie mich einrollen.

Ich hatte das nicht für möglich gehalten.

Jetzt glaube ich sogar ein wenig an Weihnachten. Es ist nicht gerade meine Lieblingszeit im Jahr. Ich finde es hektisch und kalt und ungemütlich. Die Familie streitet sich nicht mehr, aber gemütlich ist es auch nicht geworden. Ich sehe, wie hart meine Eltern jetzt auch anfangen, über Jonas zu urteilen. Sie merken es gar nicht. Aber ich erinnere mich, wie es war, wie sich das angefühlt hat, allein und abgestraft. Und dann stehe ich auf und sage ‚Nein, das macht Ihr so nicht, das verbiete ich‘. Und dann ist es okay. Es wird etwas wärmer.

Und dann geht es auch dem Kind, das ich war, ein bisschen besser. Obwohl es gleichzeitig auch ein wenig wütend ist, warum es nicht schöner war, wo es doch offenbar so leicht ist, es gut zu machen.

Das ist mein ganz persönliches Weihnachtswunder. Es findet jeden einzelnen Tag statt. Wenn ich jetzt gleich aufstehe, um Decken zurechtzuruckeln und über schlafwarme Köpfe streiche, wird es wieder gleißend hell im Raum stehen.

Danke, Universum (oder wer immer die Regeln hier macht…)

 

„Ihhh!!!“ Oder: Sexualaufklärung bei Spenderkindern

Vor geraumer Zeit hatte ich angekündigt, etwas Lustiges zu Spenderkindern und Sexualaufklärung erzählen zu wollen. Dann kam dies und jenes und mittlerweile fühle ich mich verpflichtet, hier einen ausgefeilten langen Eintrag hinzulegen. Mit drüber Nachdenken und feinen Formulierungen. Damit das hier nicht wie mit dem Anruf wird, den man immer weiter vor sich herschiebt, weil er dann noch länger werden muss, man aber gar keine Zeit und Muße für lange Gespräche hat, schreibe ich das jetzt einfach mal auf die Schnelle auf.

Also. Sexualaufklärung. Wie macht Ihr das eigentlich so? Ich meine jetzt nicht die Sache mit den Verhütungsmitteln, die man irgendwann mal klären sollte (wann eigentlich? Und macht das heute noch die Bravo oder Youtube? Und muss ich meinem internetaufgeklärtem Kind jetzt vor allem erstmal beibringen, dass im Bett zwar so ziemlich alles erlaubt ist, was allen hinreichend alten Beteiligten Spaß macht, dass es aber ziemlich lange dauert, bis man herausgefunden hat, was einem eigentlich Spaß macht und dass man es daher zu Beginn ruhig mal etwas langsam angehen sollte?). Also, das meine ich nicht (obwohl mich Eure Meinung brennend interessiert). Ich meine die Aufklärung von kleinen Kindern, die so nebenher läuft. Oder erzählt jemand noch was von Störchen? Oder habt Ihr Bücher?

Wir jedenfalls haben ja ein Buch über die Entstehung unserer Familie mit Samenspende, durch die Jonas gut darüber informiert ist, dass ein Kind aus Samen und Eizelle entsteht und dass es manchmal sein kann, dass „Papas Samen keine Kinder machen kann“ (Bild mit vielen Tränen). Er weiß auch, dass dann ein Arzt einen anderen Mann (Bild von nettem Mann im Ringelpulli) fragen kann, ob der dem traurigen Paar Samen schenkt und dass der Arzt (eine Ärztin in unserem Fall), den Samen „in Mamas Bauch tut“ (… äh, ja…) und dass dann ein Baby heranwächst, dass nach 9 Monaten rauskommt und  – ach, huch, das ist ja der kleine Jonas auf dem Foto ganz am Ende des Buchs.

Jonas weiß zudem, dass er aus meinem Bauch herausgeschnitten wurde. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er das ein kleines bisschen besser findet als den Weg, den seine kleine Schwester genommen hat. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Jedenfalls ist Jonas einerseits für einen Sechsjährigen definitiv überinformiert: Samen und Eizelle wissen wohl die meisten eher nicht (oder?).  Andererseits macht er sich dadurch etwas seltsame Vorstellungen davon, wie Kinder entstehen. Neulich im Urlaub ergab es sich, dass wir darüber sprachen, wie Kinder normaler Weise entstehen. Mit Penis und Scheide und so. Und dass Erwachsene das auch einfach so machen, wenn sie sich lieb haben usw.

Jonas schaute beunruhigt, sagte „Ihhh, das ist ja eklig, das will ich nie machen“, dann ging er seiner Wege und irgendeiner anderen Sache nach. Dann kam er erleichtert zurück und sagte triumphierend: „Aber ihr habt nicht Penis-in-Scheide gemacht, weil bei Euch ja der Arzt den Samen in Mamas Bauch getan hat.“

Äh. Ja. Ungefähr so. Den Rest heben wir uns mal für später auf, kleiner großer Jonas.

 

Erzählt Ihr eigentlich oder werdet Ihr Euren Kindern erzählen, wie sie entstanden sind? Kann man sich bei Künstlicher Befruchtung ja allgemein fragen, ob man das machen sollte. Eine Freundin von mir mit schon älteren ICSI-Zwillingen, die immer sehr offen mit der Entstehung ihrer Kinder auch vor ihren Kindern umgegangen ist, hat sich große Sorgen gemacht, ob das so gut war, als diese unselige Dresdener Rede zu Halbwesen der Schriftstellerin Lewitscharoff durch die Zeitungen geisterte (wer sich nicht erinnert und gern mal so richtig ärgern will, liest hier nach). Ich fand erstens die Rede so semmelig, dass ich gar nicht bereit war, so ein Gerede Einfluss auf mein Handeln haben zu lassen. Zweitens finde ich es trotzdem richtig, offen mit der künstlichen Entstehung meiner Kinder umzugehen.

Working Mom. Oder: Ohne Kuchen, dafür mit Flecken auf der Hose

So. Das war mal wieder lang. Ich könnte das jetzt erklären. Ich könnte jetzt sagen, dass ja Urlaub war und dass Jonas diese Woche eingeschult wird und dass es mit zwei mal 40h-Wochen eh immer ein wenig hart ist. Härter wurde es noch, weil aus meinem eh kleinen Team die zweite Hauptkraft ausgestiegen ist, so dass ich derzeit 175% arbeiten würde, weil der Nachfolger noch nicht da ist. De facto heißt das natürlich, dass ich auf ca. 110% beide Jobs irgendwie schlecht mache. Und etwas schlecht machen, kann ich gar nicht gut. Perfektionismus ist ja eine der dümmsten Schwächen, die man sich so zulegen kann. Überflüssig wie ein Kropf. Kann ich aber einfach nicht ablegen. Die letzten zwei Monate haben jetzt aber echt geräubert an mir. Eigentlich haben sie mich zur Strecke gebracht. Ich fühle mich wie ein erlegter Bär.

Und wie eine Rabenmutter. Ich habe alles um diese Einschulung herum delegiert. Zum Schultütenbasteln musste ich nachsitzen. Ich hatte den Zettel mit dem Termin nicht gesehen. Als ich im Büro sitzend die SMS der Babysitterin bekam, dass ja heute eigentlich das Schultütenbasteln sei, ist mir so ein kleiner Adrenalinstoß bis unter die Haarwurzeln geschossen. Verdammt! Ich hatte wochenlang aufgepasst wie ein Luchs und jeden, wirklich jeden verflixten Aushang in der Kita gelesen. Ich wusste, dass die Bärchen Läuse haben und die Bienchen am Mittwoch einen Ausflug machen und eine Brotdose brauchen. Und dann das. Die Woche drauf saß ich dann auf einem Kinderstühlchen mit der Erzieherin, die ihren Zahnarzttermin für mich abgesagt hat. Sie mit Heißklebepistole, ich mit Kinderschere. Am Ende hat sie mir etwas Heißkleber auf den Fuß getropft. Aus Rache, vermute ich.

Wer jetzt denkt, ich wäre so eine super Karrierefrau mit tiptop gepflegten Fingernägeln und Kostümchen. Nee. Ich bin die, deren Hosenaufschläge unten immer fransig, weil ausgetreten sind und die von der noch kinderlosen Kollegin gern mal auf Flecken auf der Hose aufmerksam gemacht wird und die es nicht zum Friseur schafft. Nur für den Goldglitzerlidschatten, für den muss es reichen, um der Misere etwas Glam zu verleihen. Und weil das Gold einen schönen Kontrast zu den dunklen Augenringen gibt.

Worüber ich mit meiner 40h-Woche in letzter Zeit oft nachdenke sind die wirklich bizarren Anforderungen darüber hinaus und dass ich aus noch viel mehr davon aussteigen sollte, weil ich sonst locker lässig auf 40h zusätzlich komme. Den „Wer kann den schönsten Kuchen für’s Buffet machen?“-Contest mache ich ja nicht mit. Seit ich in Jonas Krippe mal bei der Krippenfeier-Kuchenabgabe stand, eine Mutter mit blauen Krümelmonstermuffins vor mir, eine mit so einer Art Beerenparadies auf dem Blech hinter mir, ich dazwischen mit einem Blech krumpeliger erdhaufenartiger Muffins, – wie ich da so stand, dachte ich mir „Tina“, dachte ich mir, „Tina, Du machst ja sonst jeden Käse mit, aber diesen Kampf kannst Du nicht gewinnen. Das hier sind nicht mal die Endgegner. Das sind Uni-Kita-Muttis, also solche, die studieren mit Kind. Das sind nicht die, die zu Hause sind. Das machst Du nicht mit“. Dann habe ich mein Erdhaufen-Blech abgegeben und nachher noch fast lückenlos befüllt wieder mitgenommen. Ein glücklicher Tag: Was gelernt UND noch 11 Muffins selbst essen können.

Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn Leute gern backen und es dann super aussieht. Ich kann es nur einfach nicht so gut. Ich kann andere Sachen. Zum Beispiel arbeiten Christoph und ich sehr daran, immer die ersten zu sein, die sich auf die „Wir bringen mit“-Liste einzutragen. Wir machen: Baguette, Gurkengläser, Saft. Wir machen nicht: Kuchen, Torte, Quiche, „Was ganz aufregendes, super leckeres, das Ihr alle noch nie gesehen habt“. Ich war auch schon die einzige, die gekauften Keksteig abgegeben hat, als alle anderen kleine Tupperdöschen mit handgerührtem Teig dabei hatten.

Manchmal beschleicht mich nur das Gefühl, dass da jetzt trotzdem was nicht stimmt: Weil Christoph und ich beide voll arbeiten, arbeiten andere Menschen mehr. Die Putzhilfe, die Babysitterin, die Erzieherinnen und nicht zuletzt die Mütter, die den Kuchen backen, der ja irgendwie auf’s Buffet muss. Kein einziger Mann arbeitet deswegen mehr. Schon komisch.

Mein Bruder meinte übrigens zu diesen Überlegungen, dass das Einzige, was komisch sei, jawohl die Anforderung, dass abends noch irgendwelche Spezialitäten für’s Buffet angerührt werden müssen und dass man Schultüten ja wohl auch im Supermarkt kaufen könne.

Und das stimmt. Und geht es dem Kind wirklich schlechter, wenn man das macht? Meine Schultüte war gekauft. Mein Vater war bei der Einschulung nichtmal dabei. Ich habe den Tag trotzdem in glänzender Erinnerung. Ich hatte Lackschuhe an. Und ein weißes Kleid. Meine Schultüte hatte rote Herzchen auf weißen Grund. Drin war ein gelber Igel, der als Stiftehalter diente. Der Schwanz war ein Radiergummi, die Nase ein Anspitzer. In der ersten Stunde sollten wir ein Blatt bearbeiten, auf dem Kirschen zu Paaren verbunden werden sollten. Ich saß an einem Tisch mit meinen beiden Kindergartenfreunden. Wo meine Mutter war ? – keine Ahnung. Nicht wichtig an diesem Tag. Wieso machen wir das jetzt alles so anders? Wieso müssen wir nicht nur überall dabei sein, sondern auch immer alles perfekt machen und dann auch noch die Angst haben, dass es sonst schädlich für das Kind sein könnte?

Ich versuche, mir das zu Herzen zu nehmen. Irgendwo ist das Tischtuch eben zu kurz. Ich kann nicht Vollzeit arbeiten und KuchenbackendieKinderzumBallettfahrenhübscheFlickenaufkaputteHosensetzenElternbeiratinderKitasein. Das tut mir einerseits leid, weil einiges ja andere machen müssen. Andererseits denke ich mir, dass es meinen Kindern davon auch nicht schlechter gehen wird. Meine Mutter war zu Hause. Und war depressiv. DAS war schädlich.

Oh, jetzt habe ich es doch gesagt. Ich hatte viel zu tun. Aber ich wollte eigentlich auch endlich wieder etwas schreiben. Eigentlich was ganz anderes – was Lustiges zu Sexualaufklärung bei Spenderkindern. Das mache ich nächstes Mal.

Bald. Versprochen. Nach der Einschulung. Aber vor der Eingewöhnung meiner Tochter in die nächste Langzeitbetreuungseinrichtung und während der Übergabe der wirklich überzähligen 75% an meinen neuen Kollegen.

Macht es gut bis dahin. Werdet schwanger. Bleibt schwanger. Verkraftet die fürchterlichen, unfairen Dinge, die das Leben bereit halten kann. Freut Euch an Euren Kindern. Trauert über die Kinder, die nicht kommen. Mit Kuchen in Raketenform und Zuckergussastronauten drauf oder ohne – wie Ihr es lieber habt und besser könnt.

Elefant für dich. Oder: Nach dem Kinderwunsch

Neulich haben Jonas und ich das Lied „Elefant für dich“ von Wir sind Helden gehört. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich in der Küche räumte. Ich dachte daran, wie schlecht es mir ging, als Christoph und ich uns kennenlernten. Und daran, dass ich, kurz nachdem wir zusammengekommen waren, wieder Schluss gemacht hatte. Zu heil. Zu gut. Zu gut für mich. Und daran, wie Christoph mich in einer Arbeitspause in der Bibliothek zu einem Kaffee überredete und wie wir inmitten von betriebsamem Pausen-Kaffee-Gewühl an einem kleinen Tisch saßen, beide irgendwie ratlos und irgendwie traurig und er mir erklärte, warum das alles ganz falsch gedacht von mir sei.

Dazu hatte er sich etwas ausgedacht. Er hatte über seinen Lieblingstheoretiker nachgedacht und trug mir eines seiner Argumente vor, das ich vergessen habe. Nicht vergessen habe ich aber, dass sein zweites Argument von Wir sind Helden kam. Er könne zweifelsohne ein Elefant für mich sein und mein Gerümpel mit mir tragen. Eine Woche weiter war ich dann auch so weit, mich zwar nicht von fadenscheinigen Argumenten, aber doch einem stabilen Gefühl echter Verliebtheit und leisem Zutrauen überzeugen zu lassen.

Daran denke ich, während ich mich bemühe, ein wenig Oberflächenstruktur in unser Arbeitsplattenchaos zu bringen, als Jonas mich fragt: „Mama, wieso wird die ein Elefant? Man kann doch gar kein Elefant werden? Und warum will die ein Elefant werden?“ Da muss ich lachen und höre auf, einer kleinen Stunde von vor zwölf Jahren nachzuhängen.

Jonas will auch bei allen folgenden Liedern wissen, was da los ist. Was getragen, geschützt und behalten werden soll. Ich erkläre, so gut ich kann und denke dann, wie gut es ist, dass mein Kind in seiner Kinderwelt lebt, von der aus die Erwachsenenwelt sich wie ein kurioser ferner Stern mit seltsamen Regeln ausnimmt.

Abends denke ich darüber nach, dass alle – auch ich – immer sagen, dass das Leben auch nach unerfülltem Kinderwunsch weitergeht und dass es auch nicht schlechter sein muss. Ich sage das. Und ich meine das. Aber für meine ganz eigene Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Etwas in mir wäre endgültig kaputt gegangen. Etwas, an das ich mich durch Christoph getraut hatte zu glauben.

Vermutlich wäre auch das nicht passiert und es ist ganz sicher auch nicht gut, sein Seelenheil an Kinder zu hängen. Und wäre mir das mit dem Wunsch nach einem Kind nie passiert, dann wäre ich mit Freunden und Christoph schon gut in Richtung Seelenheil vorangekommen. Aber an Familie – ich welcher Form auch immer – hatte ich nie gedacht. Vor Christoph jedenfalls.

Und mit ihm kam der Gedanke und dann der Wunsch, und der ging nicht mehr weg. Eltern haben, Kinder haben, einander vertrauen können. Das war auf einmal nicht mehr diese Werbeanzeige, die mit meinem Leben gar nichts zu tun hat. Nein, das schien möglich, und es schien gut, und es musste ja gar nicht die Hauptsache in meinem Leben sein. Ich hatte ja eine ehrgeizig verfolgte Karriere. Nur zwei Kinder so nebendran. So sollte das sein. Einfach nur, weil es geht.

Und dann ging es nicht. Und hat mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, auf dem es gar nicht so schön und einfach aussah, sondern wie in einem ziemlich unaufgeräumten Keller. Ich will jetzt hier nicht ausbreiten, was da alles nicht so gut gelaufen ist in meiner Kindheit und Jugend. Ich verstehe es eigentlich selbst – auch nach zweieinhalb Jahren Therapie – nur so halb. Ich verstehe es jetzt eigentlich eher so vermittelt, weil auch Christoph sich immer fragt, was mit meinen Eltern eigentlich so los ist.

Er fragt sich das immer noch drei Tage, nachdem sie wieder weg sind. Er kann gar nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken, sich aufzuregen und dann diese oder jene Sache noch einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich sehe mir das an, nicke verständnis-, aber ratlos und denke mir, dass das genau das ist, was sie machen und dass man nie versteht, was sie so ganz genau machen. Vielleicht es es eher das, was sie alles NICHT machen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist Christoph eigentlich eher jemand, der mein Umundumwenden von Jemand-ist-seltsam-Geschichten freundlich, aber mit Stirnrunzeln begleitet. Aber bei meinen Eltern, da macht er das selbst. Drei Tage lang. Er versteht es selbst nicht. Irgendetwas tun sie, das ihn dazu bringt. Ich sehe mir das erstaunt an und denke mir, dass das wirklich allerhand ist, zu was sie meinen Christoph so bringen.

Gut. Es war also nicht so gut. Es ist besser geworden, als ich ausgezogen war. Noch in der Schulzeit. Aber ich war echt ein Wunderling. Das muss ich rückblickend schon sagen. Und dann war es schlimmer. Ich hatte einen ziemlichen Tiefpunkt so zwischen 22 und 26. Und dann wurde es besser und dann kam Christoph. Und dann diese Idee, es könnte tatsächlich auch mit mir und einer Familie gut sein.

Und dann kam keine Familie. Und das tat nicht nur höllenweh, sondern hatte auch eine bizarre Konsequenz und Logik, wenn ich mir mein Leben so von außen ansah. Und dann kam die Panik.

Und dann war ich schwanger.

Es erstaunt mich noch heute, dass ich keine überängstliche Mutter geworden bin. Ich sehe zwar ständig vor dem inneren Auge, wie eines meiner Kinder einen fürchterlichen Unfall erleidet, schaffe es aber aus mir unerfindlichen Gründen trotzdem, sie allein laufen zu lassen.

Ich bin wahnsinnig glücklich mit meinem ersten Kind. Ich bin aber auch wahnsinnig misstrauisch. Darf ich das behalten?

Und dann bin ich wieder schwanger. Und als dieses zweite Kind da ist, da ist es plötzlich gut. Ich fand es – als es passierte – selbst albern und lächerlich, aber ich hatte so eine Art Erlebnis beim Rückbildungs-Yoga. In meinem Mein-Kind-und-ich-Hormon-vernebelten Hirn hat es bei irgendeiner Entspannungübung plötzlich Klick gemacht. Als wenn etwas eingerenkt wäre. Ich hatte plötzlich diesen Gedanken, nein, diese Gewissheit, dass es jetzt wieder gut ist, dass ich wieder heil bin. Vielleicht sogar so heil, wie ich es noch nie war.

Ja, ich weiß, Hormone und so. War aber so.

Auch dies ein Kämmerchen, in das ich mich zurückziehen kann, wenn es mir etwas zu viel wird oder die Angst zu groß wird. Ja, die Angst ist geblieben, die gehört jetzt zu meinem Leben. Das ist okay, ist mein etwas bissiges Schoßtierchen. Und trotzdem bin ich heil.

Und das wäre – in MEINER Geschichte – ohne die Kinder schwieriger geworden. Ich weiß, dass ich den Kindern damit auch irgendwie etwas aufbürde. Und zugleich bin ich so hemmungslos glücklich über sie und so rettungslos verliebt in sie, dass ich mich traue, es einfach okay sein zu lassen. Es ist in Ordnung, auch in Ordnung, dass sie mir geholfen haben. Dafür bin ich jetzt ein Elefant für sie, wenn sie wollen, ihr Leben lang.

Verdammt. Ich hoffe, das geht gut. Fühlt sich – rückblickend auf das erste Viertel meines Lebens – an wie unangeschnallt auf der Autobahn bei Tempo 180.