Weihnachten. Oder: Ach…

Hallo, Ihr Lieben. Wie behandelt Euch die Vorweihnachtszeit? Für viele Kinderwünschler/innen ist die Zeit um Weihnachten ja besonders schlimm, weil die Vorstellung, ein Kind mit leuchtenden Augen ein besonders starkes Bild für das Glück ist, ein Kind zu haben. Und ein Kind zu sein.

Ich mag Weihnachten nicht besonders gern. Fand in der Kinderwunschzeit nur immer, dass Weihnachten genauso wie Ostern, Geburtstag und alle anderen jährlich wiederkehrenden Tage so große Wegmarken sind. Oh, schon wieder hier. Immer noch kein Kind. Weia, wenn ich das letztes Jahr gewusst hätte, keinen Schritt wäre ich weitergegangen. Meine Füße haben mich ja nur deshalb immer weiter getragen, weil ich ganz sicher war, dass mein Schattenwurf auf die Wegmarke meinen Bauch als eine dicke Kugel zeigen würde. Das war nicht so. Und irgendwann drehte es sich um. Ich war mir ganz sicher, dass ich immer weiter allein würde gehen müssen.

Das war am Ende nicht so. Und jetzt freue ich mich schon, wenn ich mir denken kann, ‚Mensch, Tina, denk an, jetzt hast Du zwei Kinder, wer hätte das vor 8 Jahren gedacht?‘ In Wahrheit denke ich das aber jeden Tag. Wirklich jeden Tag. Gestern haben wir zu dritt auf dem Sofa getobt. Wir haben Wackelturm gespielt. Ich unten, Jonas auf meinem Rücken, oben quietschend Ida. Dann wackeln. Dann fallen meine Kinder um, als hätte ein Büffel sie weit von sich geschleudert. Und ich liege unten und es zwickt mich in den Augenwinkeln. Da steigen immer noch Tränen über mein Glück hoch. Über das Davongekommensein.

Manchmal brizzelt es auch in den Augen, weil ich daran denken muss, wie allein mein Bruder und ich zwischen dem Unglück meiner Eltern oft waren. Meine Kindheit fühlt sich an wie die Aneinanderkettung leerer Nachmittagsstunden. Meine Mutter, mein Bruder und ich sitzen am Wohnzimmertisch wie in einer Wartehalle. Meine Mutter raucht. Sie raucht immer weiter. Und beim Rauchen legt sie Patiencen. Sie legt Streitpatiencen. Dafür braucht man eigentlich zwei Streitparteien. Meine Mutter hat sich aber immer schon auch mit sich selbst überwerfen können; es war das perfekte Spiel für sie. Alle halbe Jahr kaufte sie ein neues Deck. 104 kleine Karten, 52 davon hinten hellblau, 52 rosa. Darauf zwei kleine Vögelchen in einem Zweig. Sie spielte von morgens bis abends, die linke Hand mit der selbstgedrehten Zigarette neben dem Kopf, den Ellenbogen aufgestützt. Auf den Karten bildeten sich kleine Dreckplacken, die sie manchmal abkratzte. Mein Bruder und ich saßen dabei. Es war oft sehr still bei uns.

Manchmal war es auch lustig. Wir haben uns viel erzählt. Doch, so nah meine Mutter auch bei uns war, sie war auch immer unendlich fern. Sie war da, aber nicht für uns.

Und wenn ich jetzt bei meinen Kindern sitze, dann hoffe und bete ich, dass sie meine Anwesenheit nicht genauso empfinden. Und zugleich denke ich mir, dass es eigentlich ganz einfach ist, für seine Kinder da zu sein. Es ist kinderleicht. Man braucht nur da zu sein. Aber anders als die physische Anwesenheit meiner Mutter. Richtig da. Mit Ohren und Augen. Es geht fast nicht anders. Sie überschütten mich mit ihrer Kinderliebe. Jonas renkt seine spinnendünnen Krakenarme um meinen Bauch und lächelt mich versonnen an. Ida biegt auf strammen Kleine-Mädchen-Waden um die Ecke, wirft sich an meine Knie. „Maaaamaaaa!!!“ Strahleaugen. Und dann stehe ich da und kann mein Glück nicht fassen. Bin ganz eingewickelt in mein Kinderglück. In diesen großen selige-Liebe-Kokon, in den sie mich einrollen.

Ich hatte das nicht für möglich gehalten.

Jetzt glaube ich sogar ein wenig an Weihnachten. Es ist nicht gerade meine Lieblingszeit im Jahr. Ich finde es hektisch und kalt und ungemütlich. Die Familie streitet sich nicht mehr, aber gemütlich ist es auch nicht geworden. Ich sehe, wie hart meine Eltern jetzt auch anfangen, über Jonas zu urteilen. Sie merken es gar nicht. Aber ich erinnere mich, wie es war, wie sich das angefühlt hat, allein und abgestraft. Und dann stehe ich auf und sage ‚Nein, das macht Ihr so nicht, das verbiete ich‘. Und dann ist es okay. Es wird etwas wärmer.

Und dann geht es auch dem Kind, das ich war, ein bisschen besser. Obwohl es gleichzeitig auch ein wenig wütend ist, warum es nicht schöner war, wo es doch offenbar so leicht ist, es gut zu machen.

Das ist mein ganz persönliches Weihnachtswunder. Es findet jeden einzelnen Tag statt. Wenn ich jetzt gleich aufstehe, um Decken zurechtzuruckeln und über schlafwarme Köpfe streiche, wird es wieder gleißend hell im Raum stehen.

Danke, Universum (oder wer immer die Regeln hier macht…)

 

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„Ihhh!!!“ Oder: Sexualaufklärung bei Spenderkindern

Vor geraumer Zeit hatte ich angekündigt, etwas Lustiges zu Spenderkindern und Sexualaufklärung erzählen zu wollen. Dann kam dies und jenes und mittlerweile fühle ich mich verpflichtet, hier einen ausgefeilten langen Eintrag hinzulegen. Mit drüber Nachdenken und feinen Formulierungen. Damit das hier nicht wie mit dem Anruf wird, den man immer weiter vor sich herschiebt, weil er dann noch länger werden muss, man aber gar keine Zeit und Muße für lange Gespräche hat, schreibe ich das jetzt einfach mal auf die Schnelle auf.

Also. Sexualaufklärung. Wie macht Ihr das eigentlich so? Ich meine jetzt nicht die Sache mit den Verhütungsmitteln, die man irgendwann mal klären sollte (wann eigentlich? Und macht das heute noch die Bravo oder Youtube? Und muss ich meinem internetaufgeklärtem Kind jetzt vor allem erstmal beibringen, dass im Bett zwar so ziemlich alles erlaubt ist, was allen hinreichend alten Beteiligten Spaß macht, dass es aber ziemlich lange dauert, bis man herausgefunden hat, was einem eigentlich Spaß macht und dass man es daher zu Beginn ruhig mal etwas langsam angehen sollte?). Also, das meine ich nicht (obwohl mich Eure Meinung brennend interessiert). Ich meine die Aufklärung von kleinen Kindern, die so nebenher läuft. Oder erzählt jemand noch was von Störchen? Oder habt Ihr Bücher?

Wir jedenfalls haben ja ein Buch über die Entstehung unserer Familie mit Samenspende, durch die Jonas gut darüber informiert ist, dass ein Kind aus Samen und Eizelle entsteht und dass es manchmal sein kann, dass „Papas Samen keine Kinder machen kann“ (Bild mit vielen Tränen). Er weiß auch, dass dann ein Arzt einen anderen Mann (Bild von nettem Mann im Ringelpulli) fragen kann, ob der dem traurigen Paar Samen schenkt und dass der Arzt (eine Ärztin in unserem Fall), den Samen „in Mamas Bauch tut“ (… äh, ja…) und dass dann ein Baby heranwächst, dass nach 9 Monaten rauskommt und  – ach, huch, das ist ja der kleine Jonas auf dem Foto ganz am Ende des Buchs.

Jonas weiß zudem, dass er aus meinem Bauch herausgeschnitten wurde. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er das ein kleines bisschen besser findet als den Weg, den seine kleine Schwester genommen hat. Vielleicht täusche ich mich aber auch.

Jedenfalls ist Jonas einerseits für einen Sechsjährigen definitiv überinformiert: Samen und Eizelle wissen wohl die meisten eher nicht (oder?).  Andererseits macht er sich dadurch etwas seltsame Vorstellungen davon, wie Kinder entstehen. Neulich im Urlaub ergab es sich, dass wir darüber sprachen, wie Kinder normaler Weise entstehen. Mit Penis und Scheide und so. Und dass Erwachsene das auch einfach so machen, wenn sie sich lieb haben usw.

Jonas schaute beunruhigt, sagte „Ihhh, das ist ja eklig, das will ich nie machen“, dann ging er seiner Wege und irgendeiner anderen Sache nach. Dann kam er erleichtert zurück und sagte triumphierend: „Aber ihr habt nicht Penis-in-Scheide gemacht, weil bei Euch ja der Arzt den Samen in Mamas Bauch getan hat.“

Äh. Ja. Ungefähr so. Den Rest heben wir uns mal für später auf, kleiner großer Jonas.

 

Erzählt Ihr eigentlich oder werdet Ihr Euren Kindern erzählen, wie sie entstanden sind? Kann man sich bei Künstlicher Befruchtung ja allgemein fragen, ob man das machen sollte. Eine Freundin von mir mit schon älteren ICSI-Zwillingen, die immer sehr offen mit der Entstehung ihrer Kinder auch vor ihren Kindern umgegangen ist, hat sich große Sorgen gemacht, ob das so gut war, als diese unselige Dresdener Rede zu Halbwesen der Schriftstellerin Lewitscharoff durch die Zeitungen geisterte (wer sich nicht erinnert und gern mal so richtig ärgern will, liest hier nach). Ich fand erstens die Rede so semmelig, dass ich gar nicht bereit war, so ein Gerede Einfluss auf mein Handeln haben zu lassen. Zweitens finde ich es trotzdem richtig, offen mit der künstlichen Entstehung meiner Kinder umzugehen.

Working Mom. Oder: Ohne Kuchen, dafür mit Flecken auf der Hose

So. Das war mal wieder lang. Ich könnte das jetzt erklären. Ich könnte jetzt sagen, dass ja Urlaub war und dass Jonas diese Woche eingeschult wird und dass es mit zwei mal 40h-Wochen eh immer ein wenig hart ist. Härter wurde es noch, weil aus meinem eh kleinen Team die zweite Hauptkraft ausgestiegen ist, so dass ich derzeit 175% arbeiten würde, weil der Nachfolger noch nicht da ist. De facto heißt das natürlich, dass ich auf ca. 110% beide Jobs irgendwie schlecht mache. Und etwas schlecht machen, kann ich gar nicht gut. Perfektionismus ist ja eine der dümmsten Schwächen, die man sich so zulegen kann. Überflüssig wie ein Kropf. Kann ich aber einfach nicht ablegen. Die letzten zwei Monate haben jetzt aber echt geräubert an mir. Eigentlich haben sie mich zur Strecke gebracht. Ich fühle mich wie ein erlegter Bär.

Und wie eine Rabenmutter. Ich habe alles um diese Einschulung herum delegiert. Zum Schultütenbasteln musste ich nachsitzen. Ich hatte den Zettel mit dem Termin nicht gesehen. Als ich im Büro sitzend die SMS der Babysitterin bekam, dass ja heute eigentlich das Schultütenbasteln sei, ist mir so ein kleiner Adrenalinstoß bis unter die Haarwurzeln geschossen. Verdammt! Ich hatte wochenlang aufgepasst wie ein Luchs und jeden, wirklich jeden verflixten Aushang in der Kita gelesen. Ich wusste, dass die Bärchen Läuse haben und die Bienchen am Mittwoch einen Ausflug machen und eine Brotdose brauchen. Und dann das. Die Woche drauf saß ich dann auf einem Kinderstühlchen mit der Erzieherin, die ihren Zahnarzttermin für mich abgesagt hat. Sie mit Heißklebepistole, ich mit Kinderschere. Am Ende hat sie mir etwas Heißkleber auf den Fuß getropft. Aus Rache, vermute ich.

Wer jetzt denkt, ich wäre so eine super Karrierefrau mit tiptop gepflegten Fingernägeln und Kostümchen. Nee. Ich bin die, deren Hosenaufschläge unten immer fransig, weil ausgetreten sind und die von der noch kinderlosen Kollegin gern mal auf Flecken auf der Hose aufmerksam gemacht wird und die es nicht zum Friseur schafft. Nur für den Goldglitzerlidschatten, für den muss es reichen, um der Misere etwas Glam zu verleihen. Und weil das Gold einen schönen Kontrast zu den dunklen Augenringen gibt.

Worüber ich mit meiner 40h-Woche in letzter Zeit oft nachdenke sind die wirklich bizarren Anforderungen darüber hinaus und dass ich aus noch viel mehr davon aussteigen sollte, weil ich sonst locker lässig auf 40h zusätzlich komme. Den „Wer kann den schönsten Kuchen für’s Buffet machen?“-Contest mache ich ja nicht mit. Seit ich in Jonas Krippe mal bei der Krippenfeier-Kuchenabgabe stand, eine Mutter mit blauen Krümelmonstermuffins vor mir, eine mit so einer Art Beerenparadies auf dem Blech hinter mir, ich dazwischen mit einem Blech krumpeliger erdhaufenartiger Muffins, – wie ich da so stand, dachte ich mir „Tina“, dachte ich mir, „Tina, Du machst ja sonst jeden Käse mit, aber diesen Kampf kannst Du nicht gewinnen. Das hier sind nicht mal die Endgegner. Das sind Uni-Kita-Muttis, also solche, die studieren mit Kind. Das sind nicht die, die zu Hause sind. Das machst Du nicht mit“. Dann habe ich mein Erdhaufen-Blech abgegeben und nachher noch fast lückenlos befüllt wieder mitgenommen. Ein glücklicher Tag: Was gelernt UND noch 11 Muffins selbst essen können.

Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn Leute gern backen und es dann super aussieht. Ich kann es nur einfach nicht so gut. Ich kann andere Sachen. Zum Beispiel arbeiten Christoph und ich sehr daran, immer die ersten zu sein, die sich auf die „Wir bringen mit“-Liste einzutragen. Wir machen: Baguette, Gurkengläser, Saft. Wir machen nicht: Kuchen, Torte, Quiche, „Was ganz aufregendes, super leckeres, das Ihr alle noch nie gesehen habt“. Ich war auch schon die einzige, die gekauften Keksteig abgegeben hat, als alle anderen kleine Tupperdöschen mit handgerührtem Teig dabei hatten.

Manchmal beschleicht mich nur das Gefühl, dass da jetzt trotzdem was nicht stimmt: Weil Christoph und ich beide voll arbeiten, arbeiten andere Menschen mehr. Die Putzhilfe, die Babysitterin, die Erzieherinnen und nicht zuletzt die Mütter, die den Kuchen backen, der ja irgendwie auf’s Buffet muss. Kein einziger Mann arbeitet deswegen mehr. Schon komisch.

Mein Bruder meinte übrigens zu diesen Überlegungen, dass das Einzige, was komisch sei, jawohl die Anforderung, dass abends noch irgendwelche Spezialitäten für’s Buffet angerührt werden müssen und dass man Schultüten ja wohl auch im Supermarkt kaufen könne.

Und das stimmt. Und geht es dem Kind wirklich schlechter, wenn man das macht? Meine Schultüte war gekauft. Mein Vater war bei der Einschulung nichtmal dabei. Ich habe den Tag trotzdem in glänzender Erinnerung. Ich hatte Lackschuhe an. Und ein weißes Kleid. Meine Schultüte hatte rote Herzchen auf weißen Grund. Drin war ein gelber Igel, der als Stiftehalter diente. Der Schwanz war ein Radiergummi, die Nase ein Anspitzer. In der ersten Stunde sollten wir ein Blatt bearbeiten, auf dem Kirschen zu Paaren verbunden werden sollten. Ich saß an einem Tisch mit meinen beiden Kindergartenfreunden. Wo meine Mutter war ? – keine Ahnung. Nicht wichtig an diesem Tag. Wieso machen wir das jetzt alles so anders? Wieso müssen wir nicht nur überall dabei sein, sondern auch immer alles perfekt machen und dann auch noch die Angst haben, dass es sonst schädlich für das Kind sein könnte?

Ich versuche, mir das zu Herzen zu nehmen. Irgendwo ist das Tischtuch eben zu kurz. Ich kann nicht Vollzeit arbeiten und KuchenbackendieKinderzumBallettfahrenhübscheFlickenaufkaputteHosensetzenElternbeiratinderKitasein. Das tut mir einerseits leid, weil einiges ja andere machen müssen. Andererseits denke ich mir, dass es meinen Kindern davon auch nicht schlechter gehen wird. Meine Mutter war zu Hause. Und war depressiv. DAS war schädlich.

Oh, jetzt habe ich es doch gesagt. Ich hatte viel zu tun. Aber ich wollte eigentlich auch endlich wieder etwas schreiben. Eigentlich was ganz anderes – was Lustiges zu Sexualaufklärung bei Spenderkindern. Das mache ich nächstes Mal.

Bald. Versprochen. Nach der Einschulung. Aber vor der Eingewöhnung meiner Tochter in die nächste Langzeitbetreuungseinrichtung und während der Übergabe der wirklich überzähligen 75% an meinen neuen Kollegen.

Macht es gut bis dahin. Werdet schwanger. Bleibt schwanger. Verkraftet die fürchterlichen, unfairen Dinge, die das Leben bereit halten kann. Freut Euch an Euren Kindern. Trauert über die Kinder, die nicht kommen. Mit Kuchen in Raketenform und Zuckergussastronauten drauf oder ohne – wie Ihr es lieber habt und besser könnt.

Elefant für dich. Oder: Nach dem Kinderwunsch

Neulich haben Jonas und ich das Lied „Elefant für dich“ von Wir sind Helden gehört. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich in der Küche räumte. Ich dachte daran, wie schlecht es mir ging, als Christoph und ich uns kennenlernten. Und daran, dass ich, kurz nachdem wir zusammengekommen waren, wieder Schluss gemacht hatte. Zu heil. Zu gut. Zu gut für mich. Und daran, wie Christoph mich in einer Arbeitspause in der Bibliothek zu einem Kaffee überredete und wie wir inmitten von betriebsamem Pausen-Kaffee-Gewühl an einem kleinen Tisch saßen, beide irgendwie ratlos und irgendwie traurig und er mir erklärte, warum das alles ganz falsch gedacht von mir sei.

Dazu hatte er sich etwas ausgedacht. Er hatte über seinen Lieblingstheoretiker nachgedacht und trug mir eines seiner Argumente vor, das ich vergessen habe. Nicht vergessen habe ich aber, dass sein zweites Argument von Wir sind Helden kam. Er könne zweifelsohne ein Elefant für mich sein und mein Gerümpel mit mir tragen. Eine Woche weiter war ich dann auch so weit, mich zwar nicht von fadenscheinigen Argumenten, aber doch einem stabilen Gefühl echter Verliebtheit und leisem Zutrauen überzeugen zu lassen.

Daran denke ich, während ich mich bemühe, ein wenig Oberflächenstruktur in unser Arbeitsplattenchaos zu bringen, als Jonas mich fragt: „Mama, wieso wird die ein Elefant? Man kann doch gar kein Elefant werden? Und warum will die ein Elefant werden?“ Da muss ich lachen und höre auf, einer kleinen Stunde von vor zwölf Jahren nachzuhängen.

Jonas will auch bei allen folgenden Liedern wissen, was da los ist. Was getragen, geschützt und behalten werden soll. Ich erkläre, so gut ich kann und denke dann, wie gut es ist, dass mein Kind in seiner Kinderwelt lebt, von der aus die Erwachsenenwelt sich wie ein kurioser ferner Stern mit seltsamen Regeln ausnimmt.

Abends denke ich darüber nach, dass alle – auch ich – immer sagen, dass das Leben auch nach unerfülltem Kinderwunsch weitergeht und dass es auch nicht schlechter sein muss. Ich sage das. Und ich meine das. Aber für meine ganz eigene Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Etwas in mir wäre endgültig kaputt gegangen. Etwas, an das ich mich durch Christoph getraut hatte zu glauben.

Vermutlich wäre auch das nicht passiert und es ist ganz sicher auch nicht gut, sein Seelenheil an Kinder zu hängen. Und wäre mir das mit dem Wunsch nach einem Kind nie passiert, dann wäre ich mit Freunden und Christoph schon gut in Richtung Seelenheil vorangekommen. Aber an Familie – ich welcher Form auch immer – hatte ich nie gedacht. Vor Christoph jedenfalls.

Und mit ihm kam der Gedanke und dann der Wunsch, und der ging nicht mehr weg. Eltern haben, Kinder haben, einander vertrauen können. Das war auf einmal nicht mehr diese Werbeanzeige, die mit meinem Leben gar nichts zu tun hat. Nein, das schien möglich, und es schien gut, und es musste ja gar nicht die Hauptsache in meinem Leben sein. Ich hatte ja eine ehrgeizig verfolgte Karriere. Nur zwei Kinder so nebendran. So sollte das sein. Einfach nur, weil es geht.

Und dann ging es nicht. Und hat mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, auf dem es gar nicht so schön und einfach aussah, sondern wie in einem ziemlich unaufgeräumten Keller. Ich will jetzt hier nicht ausbreiten, was da alles nicht so gut gelaufen ist in meiner Kindheit und Jugend. Ich verstehe es eigentlich selbst – auch nach zweieinhalb Jahren Therapie – nur so halb. Ich verstehe es jetzt eigentlich eher so vermittelt, weil auch Christoph sich immer fragt, was mit meinen Eltern eigentlich so los ist.

Er fragt sich das immer noch drei Tage, nachdem sie wieder weg sind. Er kann gar nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken, sich aufzuregen und dann diese oder jene Sache noch einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich sehe mir das an, nicke verständnis-, aber ratlos und denke mir, dass das genau das ist, was sie machen und dass man nie versteht, was sie so ganz genau machen. Vielleicht es es eher das, was sie alles NICHT machen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist Christoph eigentlich eher jemand, der mein Umundumwenden von Jemand-ist-seltsam-Geschichten freundlich, aber mit Stirnrunzeln begleitet. Aber bei meinen Eltern, da macht er das selbst. Drei Tage lang. Er versteht es selbst nicht. Irgendetwas tun sie, das ihn dazu bringt. Ich sehe mir das erstaunt an und denke mir, dass das wirklich allerhand ist, zu was sie meinen Christoph so bringen.

Gut. Es war also nicht so gut. Es ist besser geworden, als ich ausgezogen war. Noch in der Schulzeit. Aber ich war echt ein Wunderling. Das muss ich rückblickend schon sagen. Und dann war es schlimmer. Ich hatte einen ziemlichen Tiefpunkt so zwischen 22 und 26. Und dann wurde es besser und dann kam Christoph. Und dann diese Idee, es könnte tatsächlich auch mit mir und einer Familie gut sein.

Und dann kam keine Familie. Und das tat nicht nur höllenweh, sondern hatte auch eine bizarre Konsequenz und Logik, wenn ich mir mein Leben so von außen ansah. Und dann kam die Panik.

Und dann war ich schwanger.

Es erstaunt mich noch heute, dass ich keine überängstliche Mutter geworden bin. Ich sehe zwar ständig vor dem inneren Auge, wie eines meiner Kinder einen fürchterlichen Unfall erleidet, schaffe es aber aus mir unerfindlichen Gründen trotzdem, sie allein laufen zu lassen.

Ich bin wahnsinnig glücklich mit meinem ersten Kind. Ich bin aber auch wahnsinnig misstrauisch. Darf ich das behalten?

Und dann bin ich wieder schwanger. Und als dieses zweite Kind da ist, da ist es plötzlich gut. Ich fand es – als es passierte – selbst albern und lächerlich, aber ich hatte so eine Art Erlebnis beim Rückbildungs-Yoga. In meinem Mein-Kind-und-ich-Hormon-vernebelten Hirn hat es bei irgendeiner Entspannungübung plötzlich Klick gemacht. Als wenn etwas eingerenkt wäre. Ich hatte plötzlich diesen Gedanken, nein, diese Gewissheit, dass es jetzt wieder gut ist, dass ich wieder heil bin. Vielleicht sogar so heil, wie ich es noch nie war.

Ja, ich weiß, Hormone und so. War aber so.

Auch dies ein Kämmerchen, in das ich mich zurückziehen kann, wenn es mir etwas zu viel wird oder die Angst zu groß wird. Ja, die Angst ist geblieben, die gehört jetzt zu meinem Leben. Das ist okay, ist mein etwas bissiges Schoßtierchen. Und trotzdem bin ich heil.

Und das wäre – in MEINER Geschichte – ohne die Kinder schwieriger geworden. Ich weiß, dass ich den Kindern damit auch irgendwie etwas aufbürde. Und zugleich bin ich so hemmungslos glücklich über sie und so rettungslos verliebt in sie, dass ich mich traue, es einfach okay sein zu lassen. Es ist in Ordnung, auch in Ordnung, dass sie mir geholfen haben. Dafür bin ich jetzt ein Elefant für sie, wenn sie wollen, ihr Leben lang.

Verdammt. Ich hoffe, das geht gut. Fühlt sich – rückblickend auf das erste Viertel meines Lebens – an wie unangeschnallt auf der Autobahn bei Tempo 180.

Jungen und Mädchen und so

Uiuiuiuiui… hier war es still. Hier war Besuch, dann war sehr viel Arbeit, dann war Urlaub und dann war noch mehr sehr viel Arbeit. Und bevor das immer so weiter geht, schreibe ich jetzt gegen das Nicht-Schreiben an.

Neulich regnete es. Es regnete neulich ziemlich viel hier. Wir gingen im Wald spazieren. Der Regen tropft mir über das kleine Schirmchen meiner Regenjackenkapuze auf die Nase. Ich seufze. Dann stecke ich mir die Kapuze hinter meine beiden Ohren. Jetzt habe ich Segelohren. „Christoph“, sage ich, „wie findest Du das?“ Da ich immer mit Beißschiene schlafe und Christoph mich jetzt manchmal liebevoll Toni Erdmann nennt, kann ich meinem inzwischen über zehn Jahre angetrauten Ehemann auch mit etwas Mut zur Hässlichkeit begegnen. „Und?“

„Ja, steht Dir“, meint er. „Das unterstreicht dieses leicht Trollartige, das du hast.“

Moment mal. „Trollartig? Du meinst so Hobbits und Haare auf den Füßen?“

„Nein, nein, ein niedlicher Troll.“

„Niedlich“, murre ich. „Troll ist Troll und die meisten Frauen wollen lieber Elfen als Trolle sein.“

„Kann sein. Aber ich hätte mir nie eine Elfe ausgesucht.“

Immerhin.

So. Trollfrau also.Und bevor Ihr jetzt anfangt, Euch vorzustellen, Ich hätte eine Knubbelnase und Haare auf den Zehen, die in dicken Holzpantoffeln stecken, die unter langen Schichten bunter Röcke nur ein kleines Stück zu sehen sind, kriege ich ganz schnell die Kurve und biege ab, um etwas über Söhne und Töchter, also über Jungs und Mädchen und deren angeblich fest im Gencode verankerte Vorlieben zu sagen.

Wir sind ja nun diese Bilderbuchfamilie: Großer Bruder, kleine Schwester. Landläufig hieße das: Ein Großer Wilder „Junge halt“ und ein niedliches, hilfsbereites Mädchen, das schon früh beginnt, der Mama beim Aufräumen zu helfen und vor allem „einfach sozialer“ ist.

Nun ist es bei uns so. Unser Junge liebt „Stahwoos“, „Lego Netschoneits“ und „Lego Ninjago“. Er schreit gern rum und ist gern der Größte. Auch liebt er in allen, allen Geschichten immer die Bösen. Wenn ich ihm beim Spazierengehen eine „Ohne-Geschichte-laufe-ich-nicht-weiter-Geschichte“ erzählen muss, müssen die Nexo Knights vorkommen und zwar die bösen und die müssen gewinnen. Jeder Trick, den die Guten sich ausdenken, wird sofort durch hinterhältige Finten („Nein, Mama, die gehen nicht unter von der Kanonenkugel, die haben nämlich Wasserpanzer an die Bösen“) abgewehrt.

Zugleich ist unser Sohn das vorsichtigste Kind, das ich kenne. Um es deutlicher zu sagen: Er ist ein ziemlicher Angsthase. Fahrrad kann er daher immer noch nicht fahren, und so langsam dämmert mir, dass die im Spaß oft geäußerte Drohung, wenn er nicht aufpasse, lerne seine vier Jahre jüngere Schwester das schneller, leider wahr werden könnte.

Ich sehe ihn außerdem oft im Spiel mit anderen Wildheit nur antäuschen. Während die anderen sich wirklich hinwerfen, aufeinanderspringen und den Ball mit allen Mitteln zu bekommen versuchen, tut Jonas mehr so, indem er aufgeregt und schreiend nebem dem Geschehen auf und ab springt. Ab und zu bewegt er sich in Richtung Ball, täuscht in Wahrheit aber nur an. Aufgepasst, Jonas, die Sportlehrer merken das. Eigene Erfahrung.

Das also ist mein „Wilder Großer“. Er baut hingebungsvoll große Legomaschinen. Er hört zwei Stunden am Stück zu. Er knobelt sich Rechenaufgaben zurecht. Er sagt mir mehrmals am Tag, wie lieb er mich hat.

Und Ida? Ida liebt Puppen. Ida hilft wirklich gern mit. Allerdings nur, wenn das gerade in ihren Spielplan passt. Ida ist ein kleines Schlitzohr und wirklich, wirklich keine Elfe. Nein, sie ist nicht dick und – meine Meinung – auch wirklich ausnehmend hübsch. Und sie ist auch nicht haarig. Aber sie ist so. So. So robust. Sie setzt sich durch. Wenn sie etwas nicht gleich schafft, schreit und wütet sie. Komme ich und frage „Ida, soll ich Dir helfen?“, sieht sie mich empört an und schreit „Nein, alleine!“

Gut, Ida. Gut so. Ich kann Dir zwar jetzt schon versprechen, dass Du damit nicht das beliebteste Mädchen Deiner Klasse wirst, dafür schaffst Du dann andere Dinge. Es wird Dir zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht so vorkommen, aber es sind nicht unbedingt die unwichtigeren. Mir hat man in der Schule oft gesagt, dass es komisch sei, ich würde wie ein Mädchen aussehen, sei aber wie ein Junge. Was damit so ganz genau gemeint war, weiß ich bis heute nicht. Ich befürchte, es hatte mich guten Noten (jep, ich bin ein Voll-Streber und noch dazu ne Niete in Sport), recht großem Durchsetzungsvermögen und einer leider oft unmäßig großen Klappe zu tun.

Ida jedenfalls wird auch eher so von diesem Schlag sein. Ohne mein Zutun. Die macht das von ganz alleine. Und warum erzähle ich das? Weil diese ganze Sache mit den „irgendwie liegt es halt doch in den Genen“ mit dem Rosa und dem Blau mich so nervt. Als ich nur einen Jungen hatte, der zwar etwas ängstlich ist, aber wirklich gern mit Autos und Rittern spielt, konnte ich nur schlecht auf solche Aussagen reagieren. Leute erzählen einem dann, dass der Enkel Lichtschalter immer interessanter gefunden habe als die Enkelin. Technikaffin halt. Junge halt. Und die Mädchen und die Puppen.

Wie gesagt, Ida mag auch Puppen. Ida steht morgens aber auch an unserem Fenster und lässt sich nur unter lautem Protestgeheul dort wegnehmen; unten sind Bagger. Ida unterscheidet mit ihren 2,5 Jahren selbstständig Löffel- und Schaufelbagger.

Und dies ist derzeit ihr liebstes Spiel:ida1.jpg

Sie sortiert mit Hingabe und sehr ausdauernd Autos. Fehlt ein Verdeck oder ein Rad, dann sucht sie es aus der großen Autokiste (eher so ein Spielzeug-Schrottplatz als ein Fuhrpark) heraus und flickt das Auto. Ihr liebstes Spielzeug – und da versteht sie wirklich keinen Spaß, wenn es jemand anfassen will, ist das große weiße Auto links unten. Seit einem halben Jahr schon.

In der Zeit beschäftigt sich Jonas auch allein. Und zwar so:Basteln

Er bastelt. So mit Schere, Papier, Stiften und Kleber. Lang, aufmerksam und ausdauernd.

Aufräumen tut keiner von ihnen gern. Oder überhaupt. Sie räumen einfach nicht auf. Ida grinst mich bei dem Wort „Aufräumen“ frech an und sagt „Mama, NEIN!“ Sie schleudert es mir entgegen, ihr Nein, kichert und geht ihrer Wege, der kleine Troll. Jonas hat über die letzten Jahre mir noch nicht ganz erschlossene Wege der Aufräumvermeidung gefunden. Es hat etwas mit plötzlichem Hörverlust und dringend zu erledigenden Dingen unter dem Hochbett zu tun.

So sind sie. Kleine Persönchen, die sie nicht das kleinste Bisschen darum scheren, ob irgendwas in ihren Genen ihr Handeln bestimmt. Allgemein, liebe Gene, ist mein Eindruck, dass diese beiden sich recht wenig sagen lassen. Das mit dem Bestimmen wird also ganz, ganz schwierig. Aber ihr müsst nicht traurig sein, liebe Gene – die Gesellschaft erledigt das für euch. Am Ende werden es ein Mädchen und ein Junge sein.

Für mich aber, für mich werden es Ida und Jonas sein. In all ihren wundervollen Eigenheiten, Einzigkeiten, Eigenartigkeiten und Schrecklichkeiten.

Ach so, ich will das Ergebnis der Bastelstunde nicht vorenthalten. (Fragt mich nicht – irgenwas mit Düsenantrieb. Nachts ein paar Tage später habe ich dieses Ensemble klammheimlich wieder aufgelöst. In dem Mäppchen befanden sich zerbröselte Salzstangen.) Hier ist es:

Fertig

Stillen. Oder: Noch einmal das Gleiche, bitte…

Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Man hätte es aber meinen können. Da ich noch auf der „Yeah, ich habe mein Kind selbst geboren“-Welle schwamm, hatte ich gedacht, dieses Mal würde auch mit dem Stillen alles ganz anders. Meine Hebamme wusste auch zu berichten, dass es nach sekundären Sectios oft nicht so läuft mit der Milch. Und dann war ich ja so tiefenentspannt in den ersten Tagen und eigentlich überhaupt mit meinem zweiten Kind, dass ich dachte, da könne dieses Mal nun wirklich nichts schiefgehen. Am ersten Abend schaut die Schwester nochmal vorbei, wie es so mit dem Anlegen klappt. „Ach, wunderbar, das klappt ja ganz toll. Als hätten Sie nie was anderes gemacht.“

Bling bling. Ich bin so stolz.

Erster Downer bei der U2: Kind zu leicht, weit entfernt vom Geburtsgewicht.

Aber ich bin ein hartgesottener Profi, was Gewichtszunahme bei Neugeborenen betrifft. „Alles voll normal, heißt noch gar nichts“, denke ich mir und schlurfe mit dem Glaskastenwägelchen zurück in mein Zimmer mit den luftigen Decken. (Übrigens: Auf einer Wochenstation gibt es drei Kategorien von Laufarten: Die nach Kaiserschnitt, die nach Geburtsverletzungen und die nach „huch, das war’s schon?“-Geburten. Letztere sieht man selten – die gehen schnell nach Hause. Gehen im Sinne von „normal laufen“ und auch mal zwei Treppenstufen auf einmal nehmen, weil es einem so glänzend geht, dass man gleich noch ein zweites Kind hinterher bekommen möchte. Der im Krankenhaus verbleibende Rest geht entweder sehr langsam mit den Armen auf dem Glaswagen und sehr rundem Rücken, um ja nicht den Bauch in Streckung zu bringen (Kaiserschnitt), oder er geht auf den Wagen gestützt ziemlich breitbeinig wie so ein Cowboy nach dem langem Weg durch Utah (Risse 2-3 Grades).)

In meinem Zimmer angekommen beschließe ich, mir keine Gedanken zu machen. Meine Hebamme hat mir ein Merkbändchen zum Anklippen an den BH-Träger geschenkt, das anzeigen soll, welche Brust mein Kind zuletzt getrunken hat. Für Frauen mit drohendem Milchstau sicher ein sehr nützliches Utensil. Da ich immer beide Seiten bis zum letzten Tropfen gebe, ist es ein bisschen egal. Aber gut.

Wir sind zu Hause angekommen und segeln dort durch das stille Binnenmeer neuen Glücks. Da merke ich kaum, dass es doch tatsächlich wieder das Gleiche wie bei Jonas ist. Ida nimmt nicht zu. Ida weint abends und ich bin mir recht sicher, dass sie weniger weinen würde, gäbe es noch etwas zu trinken. Wie ich auf diese Idee komme? Ich komme ganz gut damit klar, dass mein Baby abends einiges zu erzählen hat. Ich kann mit einem Baby, das mir sagt, dass alles zu neu und zu viel ist, sehr gut umgehen. Ich trage es umher, Christoph trägt es umher. Wir können das. Ich merke aber auch, wenn die Klage die deutliche Beschwerde über zu wenig Essen ist. (Ich leide selbst sehr, wenn es zu wenig essen gibt – diese Sprache verstehe ich.)

Die Hebamme versteht die Sache mit dem Gewicht so wenig wie die bei Jonas. „Hmm, komisch. Das ist doch eine Stillbrust. Ich seh das doch.“ Was immer das sein mag – ich glaube ihr sehr gern, dass sie Erfahrung mit Stillbrüsten hat. Ich will auch gern glauben, dass das bei mir alles noch kommt. Immerhin ist sie total gegen die Anschaffung von Pumpen usw. „Bringt nur Stress rein.“

Stattdessen gehe ich in die Apotheke. Dort kaufe ich Bockshornkleesamen und irgendwas streng Riechendes zum Brusteinreiben nach dem Stillen. Das mit dem vielen Kohlehydratessen lasse ich mal lieber. Die 10 kg Hüftgold schaufel ich mir nicht nochmal mit so viel Stress rauf. Versteht mich nicht falsch – mit dem richtigen Anlass (Urlaub in Spanien oder Grillsaison z. B.) bin ich gern bereit, einige Kilos draufzulegen. Aber Kartoffeln und Malzbier, damit das Kind mehr Milch bekommt, die es dann nicht bekommt? Nein.

Das mache ich alles, merke aber nach zwei Wochen, dass diese Stillerei mich schon wieder anfängt zu stressen. Und – ich wiederhole es gern nochmal – ich bin eigentlich sehr, sehr entspannt. Ich bin glücklich. Ich sehe trotz Blutverlust 10 Jahre jünger aus. Mein Kind schläft nachts recht gut. Das große Kind macht nicht mehr Ärger als man unter den veränderten Umständen erwarten würde. Alles ist gut. Außer der Milch.

Ich fange gegenüber der Hebamme an, laut zu überlegen, ob man nicht abends etwas Pre dazu geben könnte, damit Ida es etwas leichter hat abends.

„Naja, sie muss sich dann auch weniger anstrengen. Da läuft es dann von alleine“, entgegnet meine Hebamme.

„Hm, aber ich würde es ja nur dazu und nach dem Stillen geben.“

„Aber das merkt Ida sich dann und dann wird es schwierig.“ (Interessant übrigens – eigentlich war man ja so weit, Babys kein manipulatives Verhalten mehr zu unterstellen, sondern ihr Verhalten als Ausdruck von Bedürfnissen zu sehen. Aber gut, beim Stillen gilt das offenbar nicht.)

„Hm, ja gut. Aber vielleicht kaufe ich einfach mal etwas Pre und bin dann ruhiger, weil es im Haus ist.“

„Aber Tina“, sie sieht mich streng an, „Du willst doch stillen, oder?“

Ja, will ich, aber nicht um jeden Preis. Und weil ich so entspannt bin und es mir so gut geht, mache ich einfach mal das Richtige: Ich kaufe eine Packung Pre-Milch, von der wir Ida abends so um die 30ml geben. Ida nimmt das sofort an. Sie ist abends sofort ruhiger. Sie ist zu diesem Zeitpunkt drei Wochen alt.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich auch mittags und noch später auch morgens nach dem Stillen zufüttere. Bis dahin bleibt es bei dem kleinen Bisschen abends, das alles für alle leichter macht. Ich werde in diesem Leben nicht mehr begreifen, warum alle so gegen das Zufüttern sind. Wirklich nicht.

Es stimmt, Ida habe ich kürzer gestillt als Jonas. Das lag aber auch daran, dass es im Leben meist anders kommt, als man denkt. Ich dachte ja, dass ich beim zweiten Kind einfach mal ein ganzes Jahr zu Hause bleibe und mal fünfe gerade sein lasse. Ich hatte eine berufliche Umorientierung eh beschlossen und auch durch ein Aufbaustudium angefangen. Tja, und dann saß ich plötzlich beim Bewerbungsgespräch am anderen Ende des Landes. Da war Ida 6 Monate alt. Zwischen den Gesprächen musste ich doch tatsächlich wegen Drucks auf der Brust abpumpen (kam trotzdem wenig). Und dann war Umzug und Jobstart, als Ida sieben und dann acht Monate alt war. Ida war dann abgestilltes Krippenkind, das zu Hause schon lieber Kartoffel- und Möhrenstückchen als Brei aß.

Ein ziemlich glückliches Kind, so weit wir alle es sehen können. Sie hat mehr Händchen für’s Glücklich sein als ihr großer Bruder. Dinge machen ihr nicht so viel aus. Ich habe schon ganz am Anfang manchmal gedacht, dass Ida auch Mammuts und Eiszeit überlebt hätte. Die haut nichts um, unser Mädchen.

Was ich sagen will, ist, dass es mir und allen Beteiligten sehr gut getan hat, mit der Milch meinem Bauchgefühl zu folgen und zuzufüttern. Ja, ich habe mich nicht toll gefühlt deswegen (und, by the way, auch die PDA verzeihe ich mir nur so halb – wäre es nicht doch ohne gegangen?) und es fällt mir selbst schwer zu akzeptieren, dass ich offenbar wirklich zu wenig Milch habe. Christoph lacht an dieser Stelle immer so ein Lachen, das irgenwo zwischen Galgenhumor und gutmütigem „Auf-die-Schulter-Klopfen“ hängt, und sagt: „Ach Tina, zu wenig Milch, was soll ich denn da sagen? Hm? Keine Spermien. Da ist ZU WENIG, wohlgemerkt nicht KEINE, Milch ja nun echt Pipifax gegen.“ Hat er auch wieder Recht.

Und überhaupt, ist das alles Jammern auf wirklich allerhöchstem Niveau. Ich habe zwei gesunde Kinder, die ich teilgestillt habe. Im Vergleich zu meinem Zustand vorher (null Kinder, aber ein schweineschmerzhafter Riesenkinderwunsch) ist das das Paradies. Und das meine ich ganz ernst.

Ich schwöre, bekäme ich ein drittes Kind, ich würde sogar den Bockshornklee weglassen und gleich die Pre kaufen. Glaube ich…

Ida. Oder: Noch einmal perfekt

Würde unser kleines Mädchen nicht anders heißen, es hieße Ida. Deshalb heißt sie jetzt hier auch Ida.

Ida ist das perfekteste kleine Mädchen, das wir uns vorstellen können. Sie passt perfekt zu uns. Sie hat uns gerade noch gefehlt. Zu unserem Glück. Man weiß ja nie, wer kommt. Und dann ist es eine seltsame Entdeckung, dass es gerade richtig so ist. Es hätte nicht besser sein können.

Unser zweites Kind wird in einer ruhigen Januarwoche geboren. Die Geburtsstation ist fast leer. Ich bin allein mit meinem Kind im Zimmer. Hatte ich letztes Mal gedacht, dass es gerade die Dreisamkeit war, die alles so gut gemacht hat, so bin ich dieses Mal sehr zufrieden damit, allein mit meinem Kind zu sein. Ich liege in meinem Bett, mein Kind mit den letzten Blutspuren an meiner Seite. Ich gebe sie nicht her. Sie kommt nur in das Glaskästchen, wenn ich zur Toilette muss, was ich möglichst selten muss wegen der Risse, von denen das Blut stammt. Autschn.

Christoph kommt am ersten Abend mit Jonas. Jonas steht am Bett und schaut sein Schwesterchen an. Er schaut und dann springt er im Zimmer herum und haut auf den Plastiküberzug auf dem Nachbarbett und will wissen, wozu der Plastikballon gut sein soll. Er haut auf die Welle aus Knitterplastik, die am anderen Ende entsteht, wenn er darauf tappst. Dann tollt er zu meinem Bett zurück. Er findet Ida sehr klein.

Übrigens hat Jonas immer gesagt, dass es ein Mädchen wird. Als ich im sechsten Monat gesagt habe, dass es ja auch ein Junge sein könnte, hat er mich grinsend angesehen, mir an die Stirn getippt und gesagt: „Mama, Mädchen“, als wenn das doch nun auch der Dümmste bald mal verstanden haben müsste. Bei seiner Nichte lag er neulich allerdings daneben. Als Orakel taugt er also ebenso wenig wie Bauchformenraten oder chinesische Geburtskalender.

Nach einer halben Stunde, in der Jonas mein karges Abendbrot geplündert hat, gehen Vater und Sohn wieder nach Hause. Ich bleibe mit meinem Baby. Es ist sehr dunkel um unsere kleine Lichtinsel herum. Die hohen Fenster strahlen die winterliche Dunkelheit in das Zimmer. Die Decken sind sehr hoch. Ich liege neben meinem frischgeborenen Baby. Es schläft halb auf dem Bauch liegend. Die Beinchen angezogen, eine Hand am Mund. So schläft Ida noch heute gern.

Es fühlt sich ein bisschen an, als wären wir die einzigen Menschen auf der ganzen weiten Welt. Als gäbe es im Universum nur uns. Und als wäre das völlig in Ordnung so.

Es ist komisch, wie die Zeit mit einem frischgeborenen Kind einerseits rasend schnell vergeht und wie sich zugleich jeder Moment in Unendlichkeit ausdehnt.

Morgens kommt Christoph und trägt Ida mit sich herum. Er ist traurig, nicht so nah bei uns sein zu können wie damals mit Jonas. Aber er bleibt den ganzen Tag und da ist es fast wie beim ersten Mal. Nachmittags kommen Freunde für 15 Minuten. Abends kommen meine Schwiegereltern mit Jonas. Meine Freundin, die auf der Station arbeitet, kommt, hält Ida und hat Tränen in den Augen.

Alles schön, aber ich will lieber allein mit meinem Kind sein. Sie schmiegt sich an mich. Sie gehört zu mir. Nachts liegt sie in meiner Armbeuge. Ich kann vor lauter Glück kaum schlafen.

Natürlich darf bei allem Spaß nicht fehlen, dass es mit der Milch nicht so dolle läuft und dass der Arzt gleich bei der U2 mault, dass das mit dem Zunehmen besser werden muss. Aber ich bin trotzdem selig. Selig, auch wenn ich die 50 Meter zum Untersuchungsraum ehrlich gesagt nur schaffe, weil ich mich auf Idas Plastikwanne stützen kann. Der Blutverlust setzt mir ganz schön zu.

Nach drei verzauberten Tagen Kliniktagen gehen wir nach Hause. Die Sonne scheint, als Christoph uns abholt. Wir fahren nach Hause in unsere blitzeblanke Wohnung. Das erste Mal nach Hause kommen mit einem neuen Kind, das ist ganz unbeschreiblich. Alles ist ganz neu, obwohl es ganz vertraut ist.

Ich lege mich mit Ida und Christoph in unser Bett. Alles riecht frisch und neu und wunderbar. Ich bin erschöpft. Wir schlafen ein.

All diese ersten Tage, all diese ersten Momente mit unserem zweiten Kind, sind Orte, an die ich mich zurückziehen kann, wenn ich aufgebracht oder unglücklich bin, wenn das Unwichtige wichtig zu werden scheint, wenn ich nicht weiter weiß. Dann erinnere ich mich an die ersten Stunden und Tage mit Ida. Daran, wie die Sonne schien und wie sich ihr kleines Köpfchen unter meiner Hand angefühlt hat und daran, wie das erste Mal ihr kleiner Körper auf meinem Bauch lag und daran, wie sie mich das erste Mal angesehen hat und daran, wie sie sich in meine Schulter geschnuffelt hat und sich mit ihrem winzigen Fäustchen an mir festgehalten hat und wie sie über Christophs Schulter lag, als wäre das ihr fester Ort in dieser Welt. Und dann ist alles gut. Nichts kann mir geschehen.

So war das mit Ida. Und so ist es immer noch. Jedenfalls wenn ich jetzt gleich mal an ihr Bettchen gehe und ihr beim Schlafen zusehe. Morgen kann sie dann wieder mit Autos werfen und ‚Nein‘ schreien oder andere Teufeleien aushecken.