Working Mom. Oder: Ohne Kuchen, dafür mit Flecken auf der Hose

So. Das war mal wieder lang. Ich könnte das jetzt erklären. Ich könnte jetzt sagen, dass ja Urlaub war und dass Jonas diese Woche eingeschult wird und dass es mit zwei mal 40h-Wochen eh immer ein wenig hart ist. Härter wurde es noch, weil aus meinem eh kleinen Team die zweite Hauptkraft ausgestiegen ist, so dass ich derzeit 175% arbeiten würde, weil der Nachfolger noch nicht da ist. De facto heißt das natürlich, dass ich auf ca. 110% beide Jobs irgendwie schlecht mache. Und etwas schlecht machen, kann ich gar nicht gut. Perfektionismus ist ja eine der dümmsten Schwächen, die man sich so zulegen kann. Überflüssig wie ein Kropf. Kann ich aber einfach nicht ablegen. Die letzten zwei Monate haben jetzt aber echt geräubert an mir. Eigentlich haben sie mich zur Strecke gebracht. Ich fühle mich wie ein erlegter Bär.

Und wie eine Rabenmutter. Ich habe alles um diese Einschulung herum delegiert. Zum Schultütenbasteln musste ich nachsitzen. Ich hatte den Zettel mit dem Termin nicht gesehen. Als ich im Büro sitzend die SMS der Babysitterin bekam, dass ja heute eigentlich das Schultütenbasteln sei, ist mir so ein kleiner Adrenalinstoß bis unter die Haarwurzeln geschossen. Verdammt! Ich hatte wochenlang aufgepasst wie ein Luchs und jeden, wirklich jeden verflixten Aushang in der Kita gelesen. Ich wusste, dass die Bärchen Läuse haben und die Bienchen am Mittwoch einen Ausflug machen und eine Brotdose brauchen. Und dann das. Die Woche drauf saß ich dann auf einem Kinderstühlchen mit der Erzieherin, die ihren Zahnarzttermin für mich abgesagt hat. Sie mit Heißklebepistole, ich mit Kinderschere. Am Ende hat sie mir etwas Heißkleber auf den Fuß getropft. Aus Rache, vermute ich.

Wer jetzt denkt, ich wäre so eine super Karrierefrau mit tiptop gepflegten Fingernägeln und Kostümchen. Nee. Ich bin die, deren Hosenaufschläge unten immer fransig, weil ausgetreten sind und die von der noch kinderlosen Kollegin gern mal auf Flecken auf der Hose aufmerksam gemacht wird und die es nicht zum Friseur schafft. Nur für den Goldglitzerlidschatten, für den muss es reichen, um der Misere etwas Glam zu verleihen. Und weil das Gold einen schönen Kontrast zu den dunklen Augenringen gibt.

Worüber ich mit meiner 40h-Woche in letzter Zeit oft nachdenke sind die wirklich bizarren Anforderungen darüber hinaus und dass ich aus noch viel mehr davon aussteigen sollte, weil ich sonst locker lässig auf 40h zusätzlich komme. Den „Wer kann den schönsten Kuchen für’s Buffet machen?“-Contest mache ich ja nicht mit. Seit ich in Jonas Krippe mal bei der Krippenfeier-Kuchenabgabe stand, eine Mutter mit blauen Krümelmonstermuffins vor mir, eine mit so einer Art Beerenparadies auf dem Blech hinter mir, ich dazwischen mit einem Blech krumpeliger erdhaufenartiger Muffins, – wie ich da so stand, dachte ich mir „Tina“, dachte ich mir, „Tina, Du machst ja sonst jeden Käse mit, aber diesen Kampf kannst Du nicht gewinnen. Das hier sind nicht mal die Endgegner. Das sind Uni-Kita-Muttis, also solche, die studieren mit Kind. Das sind nicht die, die zu Hause sind. Das machst Du nicht mit“. Dann habe ich mein Erdhaufen-Blech abgegeben und nachher noch fast lückenlos befüllt wieder mitgenommen. Ein glücklicher Tag: Was gelernt UND noch 11 Muffins selbst essen können.

Versteht mich nicht falsch – ich finde es toll, wenn Leute gern backen und es dann super aussieht. Ich kann es nur einfach nicht so gut. Ich kann andere Sachen. Zum Beispiel arbeiten Christoph und ich sehr daran, immer die ersten zu sein, die sich auf die „Wir bringen mit“-Liste einzutragen. Wir machen: Baguette, Gurkengläser, Saft. Wir machen nicht: Kuchen, Torte, Quiche, „Was ganz aufregendes, super leckeres, das Ihr alle noch nie gesehen habt“. Ich war auch schon die einzige, die gekauften Keksteig abgegeben hat, als alle anderen kleine Tupperdöschen mit handgerührtem Teig dabei hatten.

Manchmal beschleicht mich nur das Gefühl, dass da jetzt trotzdem was nicht stimmt: Weil Christoph und ich beide voll arbeiten, arbeiten andere Menschen mehr. Die Putzhilfe, die Babysitterin, die Erzieherinnen und nicht zuletzt die Mütter, die den Kuchen backen, der ja irgendwie auf’s Buffet muss. Kein einziger Mann arbeitet deswegen mehr. Schon komisch.

Mein Bruder meinte übrigens zu diesen Überlegungen, dass das Einzige, was komisch sei, jawohl die Anforderung, dass abends noch irgendwelche Spezialitäten für’s Buffet angerührt werden müssen und dass man Schultüten ja wohl auch im Supermarkt kaufen könne.

Und das stimmt. Und geht es dem Kind wirklich schlechter, wenn man das macht? Meine Schultüte war gekauft. Mein Vater war bei der Einschulung nichtmal dabei. Ich habe den Tag trotzdem in glänzender Erinnerung. Ich hatte Lackschuhe an. Und ein weißes Kleid. Meine Schultüte hatte rote Herzchen auf weißen Grund. Drin war ein gelber Igel, der als Stiftehalter diente. Der Schwanz war ein Radiergummi, die Nase ein Anspitzer. In der ersten Stunde sollten wir ein Blatt bearbeiten, auf dem Kirschen zu Paaren verbunden werden sollten. Ich saß an einem Tisch mit meinen beiden Kindergartenfreunden. Wo meine Mutter war ? – keine Ahnung. Nicht wichtig an diesem Tag. Wieso machen wir das jetzt alles so anders? Wieso müssen wir nicht nur überall dabei sein, sondern auch immer alles perfekt machen und dann auch noch die Angst haben, dass es sonst schädlich für das Kind sein könnte?

Ich versuche, mir das zu Herzen zu nehmen. Irgendwo ist das Tischtuch eben zu kurz. Ich kann nicht Vollzeit arbeiten und KuchenbackendieKinderzumBallettfahrenhübscheFlickenaufkaputteHosensetzenElternbeiratinderKitasein. Das tut mir einerseits leid, weil einiges ja andere machen müssen. Andererseits denke ich mir, dass es meinen Kindern davon auch nicht schlechter gehen wird. Meine Mutter war zu Hause. Und war depressiv. DAS war schädlich.

Oh, jetzt habe ich es doch gesagt. Ich hatte viel zu tun. Aber ich wollte eigentlich auch endlich wieder etwas schreiben. Eigentlich was ganz anderes – was Lustiges zu Sexualaufklärung bei Spenderkindern. Das mache ich nächstes Mal.

Bald. Versprochen. Nach der Einschulung. Aber vor der Eingewöhnung meiner Tochter in die nächste Langzeitbetreuungseinrichtung und während der Übergabe der wirklich überzähligen 75% an meinen neuen Kollegen.

Macht es gut bis dahin. Werdet schwanger. Bleibt schwanger. Verkraftet die fürchterlichen, unfairen Dinge, die das Leben bereit halten kann. Freut Euch an Euren Kindern. Trauert über die Kinder, die nicht kommen. Mit Kuchen in Raketenform und Zuckergussastronauten drauf oder ohne – wie Ihr es lieber habt und besser könnt.

Elefant für dich. Oder: Nach dem Kinderwunsch

Neulich haben Jonas und ich das Lied „Elefant für dich“ von Wir sind Helden gehört. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich in der Küche räumte. Ich dachte daran, wie schlecht es mir ging, als Christoph und ich uns kennenlernten. Und daran, dass ich, kurz nachdem wir zusammengekommen waren, wieder Schluss gemacht hatte. Zu heil. Zu gut. Zu gut für mich. Und daran, wie Christoph mich in einer Arbeitspause in der Bibliothek zu einem Kaffee überredete und wie wir inmitten von betriebsamem Pausen-Kaffee-Gewühl an einem kleinen Tisch saßen, beide irgendwie ratlos und irgendwie traurig und er mir erklärte, warum das alles ganz falsch gedacht von mir sei.

Dazu hatte er sich etwas ausgedacht. Er hatte über seinen Lieblingstheoretiker nachgedacht und trug mir eines seiner Argumente vor, das ich vergessen habe. Nicht vergessen habe ich aber, dass sein zweites Argument von Wir sind Helden kam. Er könne zweifelsohne ein Elefant für mich sein und mein Gerümpel mit mir tragen. Eine Woche weiter war ich dann auch so weit, mich zwar nicht von fadenscheinigen Argumenten, aber doch einem stabilen Gefühl echter Verliebtheit und leisem Zutrauen überzeugen zu lassen.

Daran denke ich, während ich mich bemühe, ein wenig Oberflächenstruktur in unser Arbeitsplattenchaos zu bringen, als Jonas mich fragt: „Mama, wieso wird die ein Elefant? Man kann doch gar kein Elefant werden? Und warum will die ein Elefant werden?“ Da muss ich lachen und höre auf, einer kleinen Stunde von vor zwölf Jahren nachzuhängen.

Jonas will auch bei allen folgenden Liedern wissen, was da los ist. Was getragen, geschützt und behalten werden soll. Ich erkläre, so gut ich kann und denke dann, wie gut es ist, dass mein Kind in seiner Kinderwelt lebt, von der aus die Erwachsenenwelt sich wie ein kurioser ferner Stern mit seltsamen Regeln ausnimmt.

Abends denke ich darüber nach, dass alle – auch ich – immer sagen, dass das Leben auch nach unerfülltem Kinderwunsch weitergeht und dass es auch nicht schlechter sein muss. Ich sage das. Und ich meine das. Aber für meine ganz eigene Geschichte bin ich mir nicht so sicher. Etwas in mir wäre endgültig kaputt gegangen. Etwas, an das ich mich durch Christoph getraut hatte zu glauben.

Vermutlich wäre auch das nicht passiert und es ist ganz sicher auch nicht gut, sein Seelenheil an Kinder zu hängen. Und wäre mir das mit dem Wunsch nach einem Kind nie passiert, dann wäre ich mit Freunden und Christoph schon gut in Richtung Seelenheil vorangekommen. Aber an Familie – ich welcher Form auch immer – hatte ich nie gedacht. Vor Christoph jedenfalls.

Und mit ihm kam der Gedanke und dann der Wunsch, und der ging nicht mehr weg. Eltern haben, Kinder haben, einander vertrauen können. Das war auf einmal nicht mehr diese Werbeanzeige, die mit meinem Leben gar nichts zu tun hat. Nein, das schien möglich, und es schien gut, und es musste ja gar nicht die Hauptsache in meinem Leben sein. Ich hatte ja eine ehrgeizig verfolgte Karriere. Nur zwei Kinder so nebendran. So sollte das sein. Einfach nur, weil es geht.

Und dann ging es nicht. Und hat mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, auf dem es gar nicht so schön und einfach aussah, sondern wie in einem ziemlich unaufgeräumten Keller. Ich will jetzt hier nicht ausbreiten, was da alles nicht so gut gelaufen ist in meiner Kindheit und Jugend. Ich verstehe es eigentlich selbst – auch nach zweieinhalb Jahren Therapie – nur so halb. Ich verstehe es jetzt eigentlich eher so vermittelt, weil auch Christoph sich immer fragt, was mit meinen Eltern eigentlich so los ist.

Er fragt sich das immer noch drei Tage, nachdem sie wieder weg sind. Er kann gar nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken, sich aufzuregen und dann diese oder jene Sache noch einmal von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich sehe mir das an, nicke verständnis-, aber ratlos und denke mir, dass das genau das ist, was sie machen und dass man nie versteht, was sie so ganz genau machen. Vielleicht es es eher das, was sie alles NICHT machen. Ich weiß es nicht. Jedenfalls ist Christoph eigentlich eher jemand, der mein Umundumwenden von Jemand-ist-seltsam-Geschichten freundlich, aber mit Stirnrunzeln begleitet. Aber bei meinen Eltern, da macht er das selbst. Drei Tage lang. Er versteht es selbst nicht. Irgendetwas tun sie, das ihn dazu bringt. Ich sehe mir das erstaunt an und denke mir, dass das wirklich allerhand ist, zu was sie meinen Christoph so bringen.

Gut. Es war also nicht so gut. Es ist besser geworden, als ich ausgezogen war. Noch in der Schulzeit. Aber ich war echt ein Wunderling. Das muss ich rückblickend schon sagen. Und dann war es schlimmer. Ich hatte einen ziemlichen Tiefpunkt so zwischen 22 und 26. Und dann wurde es besser und dann kam Christoph. Und dann diese Idee, es könnte tatsächlich auch mit mir und einer Familie gut sein.

Und dann kam keine Familie. Und das tat nicht nur höllenweh, sondern hatte auch eine bizarre Konsequenz und Logik, wenn ich mir mein Leben so von außen ansah. Und dann kam die Panik.

Und dann war ich schwanger.

Es erstaunt mich noch heute, dass ich keine überängstliche Mutter geworden bin. Ich sehe zwar ständig vor dem inneren Auge, wie eines meiner Kinder einen fürchterlichen Unfall erleidet, schaffe es aber aus mir unerfindlichen Gründen trotzdem, sie allein laufen zu lassen.

Ich bin wahnsinnig glücklich mit meinem ersten Kind. Ich bin aber auch wahnsinnig misstrauisch. Darf ich das behalten?

Und dann bin ich wieder schwanger. Und als dieses zweite Kind da ist, da ist es plötzlich gut. Ich fand es – als es passierte – selbst albern und lächerlich, aber ich hatte so eine Art Erlebnis beim Rückbildungs-Yoga. In meinem Mein-Kind-und-ich-Hormon-vernebelten Hirn hat es bei irgendeiner Entspannungübung plötzlich Klick gemacht. Als wenn etwas eingerenkt wäre. Ich hatte plötzlich diesen Gedanken, nein, diese Gewissheit, dass es jetzt wieder gut ist, dass ich wieder heil bin. Vielleicht sogar so heil, wie ich es noch nie war.

Ja, ich weiß, Hormone und so. War aber so.

Auch dies ein Kämmerchen, in das ich mich zurückziehen kann, wenn es mir etwas zu viel wird oder die Angst zu groß wird. Ja, die Angst ist geblieben, die gehört jetzt zu meinem Leben. Das ist okay, ist mein etwas bissiges Schoßtierchen. Und trotzdem bin ich heil.

Und das wäre – in MEINER Geschichte – ohne die Kinder schwieriger geworden. Ich weiß, dass ich den Kindern damit auch irgendwie etwas aufbürde. Und zugleich bin ich so hemmungslos glücklich über sie und so rettungslos verliebt in sie, dass ich mich traue, es einfach okay sein zu lassen. Es ist in Ordnung, auch in Ordnung, dass sie mir geholfen haben. Dafür bin ich jetzt ein Elefant für sie, wenn sie wollen, ihr Leben lang.

Verdammt. Ich hoffe, das geht gut. Fühlt sich – rückblickend auf das erste Viertel meines Lebens – an wie unangeschnallt auf der Autobahn bei Tempo 180.

Jungen und Mädchen und so

Uiuiuiuiui… hier war es still. Hier war Besuch, dann war sehr viel Arbeit, dann war Urlaub und dann war noch mehr sehr viel Arbeit. Und bevor das immer so weiter geht, schreibe ich jetzt gegen das Nicht-Schreiben an.

Neulich regnete es. Es regnete neulich ziemlich viel hier. Wir gingen im Wald spazieren. Der Regen tropft mir über das kleine Schirmchen meiner Regenjackenkapuze auf die Nase. Ich seufze. Dann stecke ich mir die Kapuze hinter meine beiden Ohren. Jetzt habe ich Segelohren. „Christoph“, sage ich, „wie findest Du das?“ Da ich immer mit Beißschiene schlafe und Christoph mich jetzt manchmal liebevoll Toni Erdmann nennt, kann ich meinem inzwischen über zehn Jahre angetrauten Ehemann auch mit etwas Mut zur Hässlichkeit begegnen. „Und?“

„Ja, steht Dir“, meint er. „Das unterstreicht dieses leicht Trollartige, das du hast.“

Moment mal. „Trollartig? Du meinst so Hobbits und Haare auf den Füßen?“

„Nein, nein, ein niedlicher Troll.“

„Niedlich“, murre ich. „Troll ist Troll und die meisten Frauen wollen lieber Elfen als Trolle sein.“

„Kann sein. Aber ich hätte mir nie eine Elfe ausgesucht.“

Immerhin.

So. Trollfrau also.Und bevor Ihr jetzt anfangt, Euch vorzustellen, Ich hätte eine Knubbelnase und Haare auf den Zehen, die in dicken Holzpantoffeln stecken, die unter langen Schichten bunter Röcke nur ein kleines Stück zu sehen sind, kriege ich ganz schnell die Kurve und biege ab, um etwas über Söhne und Töchter, also über Jungs und Mädchen und deren angeblich fest im Gencode verankerte Vorlieben zu sagen.

Wir sind ja nun diese Bilderbuchfamilie: Großer Bruder, kleine Schwester. Landläufig hieße das: Ein Großer Wilder „Junge halt“ und ein niedliches, hilfsbereites Mädchen, das schon früh beginnt, der Mama beim Aufräumen zu helfen und vor allem „einfach sozialer“ ist.

Nun ist es bei uns so. Unser Junge liebt „Stahwoos“, „Lego Netschoneits“ und „Lego Ninjago“. Er schreit gern rum und ist gern der Größte. Auch liebt er in allen, allen Geschichten immer die Bösen. Wenn ich ihm beim Spazierengehen eine „Ohne-Geschichte-laufe-ich-nicht-weiter-Geschichte“ erzählen muss, müssen die Nexo Knights vorkommen und zwar die bösen und die müssen gewinnen. Jeder Trick, den die Guten sich ausdenken, wird sofort durch hinterhältige Finten („Nein, Mama, die gehen nicht unter von der Kanonenkugel, die haben nämlich Wasserpanzer an die Bösen“) abgewehrt.

Zugleich ist unser Sohn das vorsichtigste Kind, das ich kenne. Um es deutlicher zu sagen: Er ist ein ziemlicher Angsthase. Fahrrad kann er daher immer noch nicht fahren, und so langsam dämmert mir, dass die im Spaß oft geäußerte Drohung, wenn er nicht aufpasse, lerne seine vier Jahre jüngere Schwester das schneller, leider wahr werden könnte.

Ich sehe ihn außerdem oft im Spiel mit anderen Wildheit nur antäuschen. Während die anderen sich wirklich hinwerfen, aufeinanderspringen und den Ball mit allen Mitteln zu bekommen versuchen, tut Jonas mehr so, indem er aufgeregt und schreiend nebem dem Geschehen auf und ab springt. Ab und zu bewegt er sich in Richtung Ball, täuscht in Wahrheit aber nur an. Aufgepasst, Jonas, die Sportlehrer merken das. Eigene Erfahrung.

Das also ist mein „Wilder Großer“. Er baut hingebungsvoll große Legomaschinen. Er hört zwei Stunden am Stück zu. Er knobelt sich Rechenaufgaben zurecht. Er sagt mir mehrmals am Tag, wie lieb er mich hat.

Und Ida? Ida liebt Puppen. Ida hilft wirklich gern mit. Allerdings nur, wenn das gerade in ihren Spielplan passt. Ida ist ein kleines Schlitzohr und wirklich, wirklich keine Elfe. Nein, sie ist nicht dick und – meine Meinung – auch wirklich ausnehmend hübsch. Und sie ist auch nicht haarig. Aber sie ist so. So. So robust. Sie setzt sich durch. Wenn sie etwas nicht gleich schafft, schreit und wütet sie. Komme ich und frage „Ida, soll ich Dir helfen?“, sieht sie mich empört an und schreit „Nein, alleine!“

Gut, Ida. Gut so. Ich kann Dir zwar jetzt schon versprechen, dass Du damit nicht das beliebteste Mädchen Deiner Klasse wirst, dafür schaffst Du dann andere Dinge. Es wird Dir zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht so vorkommen, aber es sind nicht unbedingt die unwichtigeren. Mir hat man in der Schule oft gesagt, dass es komisch sei, ich würde wie ein Mädchen aussehen, sei aber wie ein Junge. Was damit so ganz genau gemeint war, weiß ich bis heute nicht. Ich befürchte, es hatte mich guten Noten (jep, ich bin ein Voll-Streber und noch dazu ne Niete in Sport), recht großem Durchsetzungsvermögen und einer leider oft unmäßig großen Klappe zu tun.

Ida jedenfalls wird auch eher so von diesem Schlag sein. Ohne mein Zutun. Die macht das von ganz alleine. Und warum erzähle ich das? Weil diese ganze Sache mit den „irgendwie liegt es halt doch in den Genen“ mit dem Rosa und dem Blau mich so nervt. Als ich nur einen Jungen hatte, der zwar etwas ängstlich ist, aber wirklich gern mit Autos und Rittern spielt, konnte ich nur schlecht auf solche Aussagen reagieren. Leute erzählen einem dann, dass der Enkel Lichtschalter immer interessanter gefunden habe als die Enkelin. Technikaffin halt. Junge halt. Und die Mädchen und die Puppen.

Wie gesagt, Ida mag auch Puppen. Ida steht morgens aber auch an unserem Fenster und lässt sich nur unter lautem Protestgeheul dort wegnehmen; unten sind Bagger. Ida unterscheidet mit ihren 2,5 Jahren selbstständig Löffel- und Schaufelbagger.

Und dies ist derzeit ihr liebstes Spiel:ida1.jpg

Sie sortiert mit Hingabe und sehr ausdauernd Autos. Fehlt ein Verdeck oder ein Rad, dann sucht sie es aus der großen Autokiste (eher so ein Spielzeug-Schrottplatz als ein Fuhrpark) heraus und flickt das Auto. Ihr liebstes Spielzeug – und da versteht sie wirklich keinen Spaß, wenn es jemand anfassen will, ist das große weiße Auto links unten. Seit einem halben Jahr schon.

In der Zeit beschäftigt sich Jonas auch allein. Und zwar so:Basteln

Er bastelt. So mit Schere, Papier, Stiften und Kleber. Lang, aufmerksam und ausdauernd.

Aufräumen tut keiner von ihnen gern. Oder überhaupt. Sie räumen einfach nicht auf. Ida grinst mich bei dem Wort „Aufräumen“ frech an und sagt „Mama, NEIN!“ Sie schleudert es mir entgegen, ihr Nein, kichert und geht ihrer Wege, der kleine Troll. Jonas hat über die letzten Jahre mir noch nicht ganz erschlossene Wege der Aufräumvermeidung gefunden. Es hat etwas mit plötzlichem Hörverlust und dringend zu erledigenden Dingen unter dem Hochbett zu tun.

So sind sie. Kleine Persönchen, die sie nicht das kleinste Bisschen darum scheren, ob irgendwas in ihren Genen ihr Handeln bestimmt. Allgemein, liebe Gene, ist mein Eindruck, dass diese beiden sich recht wenig sagen lassen. Das mit dem Bestimmen wird also ganz, ganz schwierig. Aber ihr müsst nicht traurig sein, liebe Gene – die Gesellschaft erledigt das für euch. Am Ende werden es ein Mädchen und ein Junge sein.

Für mich aber, für mich werden es Ida und Jonas sein. In all ihren wundervollen Eigenheiten, Einzigkeiten, Eigenartigkeiten und Schrecklichkeiten.

Ach so, ich will das Ergebnis der Bastelstunde nicht vorenthalten. (Fragt mich nicht – irgenwas mit Düsenantrieb. Nachts ein paar Tage später habe ich dieses Ensemble klammheimlich wieder aufgelöst. In dem Mäppchen befanden sich zerbröselte Salzstangen.) Hier ist es:

Fertig

Stillen. Oder: Noch einmal das Gleiche, bitte…

Nein, das habe ich natürlich nicht gesagt. Man hätte es aber meinen können. Da ich noch auf der „Yeah, ich habe mein Kind selbst geboren“-Welle schwamm, hatte ich gedacht, dieses Mal würde auch mit dem Stillen alles ganz anders. Meine Hebamme wusste auch zu berichten, dass es nach sekundären Sectios oft nicht so läuft mit der Milch. Und dann war ich ja so tiefenentspannt in den ersten Tagen und eigentlich überhaupt mit meinem zweiten Kind, dass ich dachte, da könne dieses Mal nun wirklich nichts schiefgehen. Am ersten Abend schaut die Schwester nochmal vorbei, wie es so mit dem Anlegen klappt. „Ach, wunderbar, das klappt ja ganz toll. Als hätten Sie nie was anderes gemacht.“

Bling bling. Ich bin so stolz.

Erster Downer bei der U2: Kind zu leicht, weit entfernt vom Geburtsgewicht.

Aber ich bin ein hartgesottener Profi, was Gewichtszunahme bei Neugeborenen betrifft. „Alles voll normal, heißt noch gar nichts“, denke ich mir und schlurfe mit dem Glaskastenwägelchen zurück in mein Zimmer mit den luftigen Decken. (Übrigens: Auf einer Wochenstation gibt es drei Kategorien von Laufarten: Die nach Kaiserschnitt, die nach Geburtsverletzungen und die nach „huch, das war’s schon?“-Geburten. Letztere sieht man selten – die gehen schnell nach Hause. Gehen im Sinne von „normal laufen“ und auch mal zwei Treppenstufen auf einmal nehmen, weil es einem so glänzend geht, dass man gleich noch ein zweites Kind hinterher bekommen möchte. Der im Krankenhaus verbleibende Rest geht entweder sehr langsam mit den Armen auf dem Glaswagen und sehr rundem Rücken, um ja nicht den Bauch in Streckung zu bringen (Kaiserschnitt), oder er geht auf den Wagen gestützt ziemlich breitbeinig wie so ein Cowboy nach dem langem Weg durch Utah (Risse 2-3 Grades).)

In meinem Zimmer angekommen beschließe ich, mir keine Gedanken zu machen. Meine Hebamme hat mir ein Merkbändchen zum Anklippen an den BH-Träger geschenkt, das anzeigen soll, welche Brust mein Kind zuletzt getrunken hat. Für Frauen mit drohendem Milchstau sicher ein sehr nützliches Utensil. Da ich immer beide Seiten bis zum letzten Tropfen gebe, ist es ein bisschen egal. Aber gut.

Wir sind zu Hause angekommen und segeln dort durch das stille Binnenmeer neuen Glücks. Da merke ich kaum, dass es doch tatsächlich wieder das Gleiche wie bei Jonas ist. Ida nimmt nicht zu. Ida weint abends und ich bin mir recht sicher, dass sie weniger weinen würde, gäbe es noch etwas zu trinken. Wie ich auf diese Idee komme? Ich komme ganz gut damit klar, dass mein Baby abends einiges zu erzählen hat. Ich kann mit einem Baby, das mir sagt, dass alles zu neu und zu viel ist, sehr gut umgehen. Ich trage es umher, Christoph trägt es umher. Wir können das. Ich merke aber auch, wenn die Klage die deutliche Beschwerde über zu wenig Essen ist. (Ich leide selbst sehr, wenn es zu wenig essen gibt – diese Sprache verstehe ich.)

Die Hebamme versteht die Sache mit dem Gewicht so wenig wie die bei Jonas. „Hmm, komisch. Das ist doch eine Stillbrust. Ich seh das doch.“ Was immer das sein mag – ich glaube ihr sehr gern, dass sie Erfahrung mit Stillbrüsten hat. Ich will auch gern glauben, dass das bei mir alles noch kommt. Immerhin ist sie total gegen die Anschaffung von Pumpen usw. „Bringt nur Stress rein.“

Stattdessen gehe ich in die Apotheke. Dort kaufe ich Bockshornkleesamen und irgendwas streng Riechendes zum Brusteinreiben nach dem Stillen. Das mit dem vielen Kohlehydratessen lasse ich mal lieber. Die 10 kg Hüftgold schaufel ich mir nicht nochmal mit so viel Stress rauf. Versteht mich nicht falsch – mit dem richtigen Anlass (Urlaub in Spanien oder Grillsaison z. B.) bin ich gern bereit, einige Kilos draufzulegen. Aber Kartoffeln und Malzbier, damit das Kind mehr Milch bekommt, die es dann nicht bekommt? Nein.

Das mache ich alles, merke aber nach zwei Wochen, dass diese Stillerei mich schon wieder anfängt zu stressen. Und – ich wiederhole es gern nochmal – ich bin eigentlich sehr, sehr entspannt. Ich bin glücklich. Ich sehe trotz Blutverlust 10 Jahre jünger aus. Mein Kind schläft nachts recht gut. Das große Kind macht nicht mehr Ärger als man unter den veränderten Umständen erwarten würde. Alles ist gut. Außer der Milch.

Ich fange gegenüber der Hebamme an, laut zu überlegen, ob man nicht abends etwas Pre dazu geben könnte, damit Ida es etwas leichter hat abends.

„Naja, sie muss sich dann auch weniger anstrengen. Da läuft es dann von alleine“, entgegnet meine Hebamme.

„Hm, aber ich würde es ja nur dazu und nach dem Stillen geben.“

„Aber das merkt Ida sich dann und dann wird es schwierig.“ (Interessant übrigens – eigentlich war man ja so weit, Babys kein manipulatives Verhalten mehr zu unterstellen, sondern ihr Verhalten als Ausdruck von Bedürfnissen zu sehen. Aber gut, beim Stillen gilt das offenbar nicht.)

„Hm, ja gut. Aber vielleicht kaufe ich einfach mal etwas Pre und bin dann ruhiger, weil es im Haus ist.“

„Aber Tina“, sie sieht mich streng an, „Du willst doch stillen, oder?“

Ja, will ich, aber nicht um jeden Preis. Und weil ich so entspannt bin und es mir so gut geht, mache ich einfach mal das Richtige: Ich kaufe eine Packung Pre-Milch, von der wir Ida abends so um die 30ml geben. Ida nimmt das sofort an. Sie ist abends sofort ruhiger. Sie ist zu diesem Zeitpunkt drei Wochen alt.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich auch mittags und noch später auch morgens nach dem Stillen zufüttere. Bis dahin bleibt es bei dem kleinen Bisschen abends, das alles für alle leichter macht. Ich werde in diesem Leben nicht mehr begreifen, warum alle so gegen das Zufüttern sind. Wirklich nicht.

Es stimmt, Ida habe ich kürzer gestillt als Jonas. Das lag aber auch daran, dass es im Leben meist anders kommt, als man denkt. Ich dachte ja, dass ich beim zweiten Kind einfach mal ein ganzes Jahr zu Hause bleibe und mal fünfe gerade sein lasse. Ich hatte eine berufliche Umorientierung eh beschlossen und auch durch ein Aufbaustudium angefangen. Tja, und dann saß ich plötzlich beim Bewerbungsgespräch am anderen Ende des Landes. Da war Ida 6 Monate alt. Zwischen den Gesprächen musste ich doch tatsächlich wegen Drucks auf der Brust abpumpen (kam trotzdem wenig). Und dann war Umzug und Jobstart, als Ida sieben und dann acht Monate alt war. Ida war dann abgestilltes Krippenkind, das zu Hause schon lieber Kartoffel- und Möhrenstückchen als Brei aß.

Ein ziemlich glückliches Kind, so weit wir alle es sehen können. Sie hat mehr Händchen für’s Glücklich sein als ihr großer Bruder. Dinge machen ihr nicht so viel aus. Ich habe schon ganz am Anfang manchmal gedacht, dass Ida auch Mammuts und Eiszeit überlebt hätte. Die haut nichts um, unser Mädchen.

Was ich sagen will, ist, dass es mir und allen Beteiligten sehr gut getan hat, mit der Milch meinem Bauchgefühl zu folgen und zuzufüttern. Ja, ich habe mich nicht toll gefühlt deswegen (und, by the way, auch die PDA verzeihe ich mir nur so halb – wäre es nicht doch ohne gegangen?) und es fällt mir selbst schwer zu akzeptieren, dass ich offenbar wirklich zu wenig Milch habe. Christoph lacht an dieser Stelle immer so ein Lachen, das irgenwo zwischen Galgenhumor und gutmütigem „Auf-die-Schulter-Klopfen“ hängt, und sagt: „Ach Tina, zu wenig Milch, was soll ich denn da sagen? Hm? Keine Spermien. Da ist ZU WENIG, wohlgemerkt nicht KEINE, Milch ja nun echt Pipifax gegen.“ Hat er auch wieder Recht.

Und überhaupt, ist das alles Jammern auf wirklich allerhöchstem Niveau. Ich habe zwei gesunde Kinder, die ich teilgestillt habe. Im Vergleich zu meinem Zustand vorher (null Kinder, aber ein schweineschmerzhafter Riesenkinderwunsch) ist das das Paradies. Und das meine ich ganz ernst.

Ich schwöre, bekäme ich ein drittes Kind, ich würde sogar den Bockshornklee weglassen und gleich die Pre kaufen. Glaube ich…

Ida. Oder: Noch einmal perfekt

Würde unser kleines Mädchen nicht anders heißen, es hieße Ida. Deshalb heißt sie jetzt hier auch Ida.

Ida ist das perfekteste kleine Mädchen, das wir uns vorstellen können. Sie passt perfekt zu uns. Sie hat uns gerade noch gefehlt. Zu unserem Glück. Man weiß ja nie, wer kommt. Und dann ist es eine seltsame Entdeckung, dass es gerade richtig so ist. Es hätte nicht besser sein können.

Unser zweites Kind wird in einer ruhigen Januarwoche geboren. Die Geburtsstation ist fast leer. Ich bin allein mit meinem Kind im Zimmer. Hatte ich letztes Mal gedacht, dass es gerade die Dreisamkeit war, die alles so gut gemacht hat, so bin ich dieses Mal sehr zufrieden damit, allein mit meinem Kind zu sein. Ich liege in meinem Bett, mein Kind mit den letzten Blutspuren an meiner Seite. Ich gebe sie nicht her. Sie kommt nur in das Glaskästchen, wenn ich zur Toilette muss, was ich möglichst selten muss wegen der Risse, von denen das Blut stammt. Autschn.

Christoph kommt am ersten Abend mit Jonas. Jonas steht am Bett und schaut sein Schwesterchen an. Er schaut und dann springt er im Zimmer herum und haut auf den Plastiküberzug auf dem Nachbarbett und will wissen, wozu der Plastikballon gut sein soll. Er haut auf die Welle aus Knitterplastik, die am anderen Ende entsteht, wenn er darauf tappst. Dann tollt er zu meinem Bett zurück. Er findet Ida sehr klein.

Übrigens hat Jonas immer gesagt, dass es ein Mädchen wird. Als ich im sechsten Monat gesagt habe, dass es ja auch ein Junge sein könnte, hat er mich grinsend angesehen, mir an die Stirn getippt und gesagt: „Mama, Mädchen“, als wenn das doch nun auch der Dümmste bald mal verstanden haben müsste. Bei seiner Nichte lag er neulich allerdings daneben. Als Orakel taugt er also ebenso wenig wie Bauchformenraten oder chinesische Geburtskalender.

Nach einer halben Stunde, in der Jonas mein karges Abendbrot geplündert hat, gehen Vater und Sohn wieder nach Hause. Ich bleibe mit meinem Baby. Es ist sehr dunkel um unsere kleine Lichtinsel herum. Die hohen Fenster strahlen die winterliche Dunkelheit in das Zimmer. Die Decken sind sehr hoch. Ich liege neben meinem frischgeborenen Baby. Es schläft halb auf dem Bauch liegend. Die Beinchen angezogen, eine Hand am Mund. So schläft Ida noch heute gern.

Es fühlt sich ein bisschen an, als wären wir die einzigen Menschen auf der ganzen weiten Welt. Als gäbe es im Universum nur uns. Und als wäre das völlig in Ordnung so.

Es ist komisch, wie die Zeit mit einem frischgeborenen Kind einerseits rasend schnell vergeht und wie sich zugleich jeder Moment in Unendlichkeit ausdehnt.

Morgens kommt Christoph und trägt Ida mit sich herum. Er ist traurig, nicht so nah bei uns sein zu können wie damals mit Jonas. Aber er bleibt den ganzen Tag und da ist es fast wie beim ersten Mal. Nachmittags kommen Freunde für 15 Minuten. Abends kommen meine Schwiegereltern mit Jonas. Meine Freundin, die auf der Station arbeitet, kommt, hält Ida und hat Tränen in den Augen.

Alles schön, aber ich will lieber allein mit meinem Kind sein. Sie schmiegt sich an mich. Sie gehört zu mir. Nachts liegt sie in meiner Armbeuge. Ich kann vor lauter Glück kaum schlafen.

Natürlich darf bei allem Spaß nicht fehlen, dass es mit der Milch nicht so dolle läuft und dass der Arzt gleich bei der U2 mault, dass das mit dem Zunehmen besser werden muss. Aber ich bin trotzdem selig. Selig, auch wenn ich die 50 Meter zum Untersuchungsraum ehrlich gesagt nur schaffe, weil ich mich auf Idas Plastikwanne stützen kann. Der Blutverlust setzt mir ganz schön zu.

Nach drei verzauberten Tagen Kliniktagen gehen wir nach Hause. Die Sonne scheint, als Christoph uns abholt. Wir fahren nach Hause in unsere blitzeblanke Wohnung. Das erste Mal nach Hause kommen mit einem neuen Kind, das ist ganz unbeschreiblich. Alles ist ganz neu, obwohl es ganz vertraut ist.

Ich lege mich mit Ida und Christoph in unser Bett. Alles riecht frisch und neu und wunderbar. Ich bin erschöpft. Wir schlafen ein.

All diese ersten Tage, all diese ersten Momente mit unserem zweiten Kind, sind Orte, an die ich mich zurückziehen kann, wenn ich aufgebracht oder unglücklich bin, wenn das Unwichtige wichtig zu werden scheint, wenn ich nicht weiter weiß. Dann erinnere ich mich an die ersten Stunden und Tage mit Ida. Daran, wie die Sonne schien und wie sich ihr kleines Köpfchen unter meiner Hand angefühlt hat und daran, wie das erste Mal ihr kleiner Körper auf meinem Bauch lag und daran, wie sie mich das erste Mal angesehen hat und daran, wie sie sich in meine Schulter geschnuffelt hat und sich mit ihrem winzigen Fäustchen an mir festgehalten hat und wie sie über Christophs Schulter lag, als wäre das ihr fester Ort in dieser Welt. Und dann ist alles gut. Nichts kann mir geschehen.

So war das mit Ida. Und so ist es immer noch. Jedenfalls wenn ich jetzt gleich mal an ihr Bettchen gehe und ihr beim Schlafen zusehe. Morgen kann sie dann wieder mit Autos werfen und ‚Nein‘ schreien oder andere Teufeleien aushecken.

Geburt nach Kaiserschnitt. Oder: Geht doch (irgendwie)

So. Urlaub vorbei. War das schön. Nur – wann ist eigentlich die Zeit, in der diese herrliche Entspannung einsetzt? Das muss die kleine halbe Stunde zwischen Unternehmung und Abendessen sein, die man bei Nüsschen und mit einem Glas Rosé auf der Terrasse der Ferienwohnung verbringt und in der die Kinder sich nur alle 10 Minuten um den Duplo-Laster, den Kescher, die Reste vom morgendlichen Schoko-Müsli oder um was-weiß-denn-ich streiten. Gemessen daran, dass ich diese halbe Stunde sonst nicht habe, jetzt aber ganze sieben Tage hintereinander, jetzt also auf rund, Moment, 3,5h Entspannung komme, bin ich super entspannt aus meiner kleinen Urlaubswoche zurück.

Hab ich mir das alles vorher gut überlegt? Yep. Sehr gut. Über vier Jahre hatte ich Zeit zum Nachdenken darüber, ob ich mir das auch gut überlegt habe. Und bin immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass das jahrelange Fehlen von Entspannungszeiten, das ersetzt wird durch das Hantieren mit Kleinkindkotze im Mietauto und mürrischen, gelangweilten 6jährigen im Winterfließ am Sandstrand, absolut erstrebenswert ist. Ich jedenfalls stehe immer noch gern aus meinen Liegestuhl auf, um mit meinen zwei Kindern Fische mit Brotstückchen füttern zu gehen. Ich sammle meinem kleinen Kind auch gern einen Riesenhaufen Steine zum Inswasserwerfen („Ja, Mama? Werfen? Ja?“ fragt Ida mit piepsiger Stimme und großen ernsten Augen, bevor sie das nächste Steinchen ca. 20cm vor sich ins Wasser plumpsen lässt). Und meinem Großen fange ich einen ziemlich kleinen Krebs, weshalb er eine runde Stunde extrem aufgeregt um mich herum springt („Mama, Maama, ein Kreeeebs!“).

Ich seufze auch nur ganz leise, weil sie auf dem Weg zum Wasser mein Weinglas umgestoßen haben. Wegen der Tiere. Und der Aufregung. Ihr wisst schon.

Sogar zwei Geburten nehme ich dafür in Kauf. Und von der zweiten wollte ich ja eigentlich berichten.

So also war das. Und ich würde sagen – das war as good as it gets, was Geburten mit meinem Körper so betrifft. Der ist für Geburten nämlich offenbar irgendwie nicht so gemacht. Jedenfalls kam unser zweites Kind, unser kleines Mädchen an 40 plus 6, was offenbar der Zeitpunkt ist, zu dem meine Kinder fertig mit Wachsen und Vorbereiten auf die Geburt sind. Da kam Jonas nämlich auch.

An 40 plus 5 hatte ich den Tag ja noch mit schlechter Laune verbracht. Die Wehen-App, die ich mir zum Spaß heruntergeladen hatte, zeigte mal dies und mal jenes. Nichts Ernstzunehmendes. Nachts aber, da reißt mich etwas aus dem Schlaf, das ziemlich ernst genommen werden will. Und drei Minuten später kommt es nochmal und dann wieder drei Minuten später. Die WehenApp weiß, was ich auch weiß: Krankenhaus. Jetzt. Ich rufe meine Hebamme an. Wir überlegen kurz, ob sie erstmal zu uns nach Hause kommen soll. Während des Telefonats habe ich zwei Wehen und dann meint sie: „Also, Tina, wenn ich mir das so anhöre, denke ich, wir treffen uns doch besser in der Klinik.“

Wir holen unsere Nachbarin, die zum Glück an diesem Abend wiedergekommen ist, zu uns. Sie wird auf Jonas aufpassen. Wir setzen uns ins Auto. Auf dem Weg in die Klinik und die Station habe ich mehrere dieser superfiesen Wehen, die mich aber total glücklich machen, denn diese Stärke und diese Regelmäßigkeit haben die bei Jonas nie erreicht. Das klappt, das klappt, denke ich mir.

Entsprechend enttäuscht bin ich von der diensthabenden Hebamme. Ich wackle da ganz stolz mit meinen super 60-Sekunden-Wehen an und sage: „Mein Kind kommt.“

„Aha“, sagt sie. „Und woher wissen Sie das?“

Hätte ich hier Toneffekte, könnte hier schon so ein oooooccchhh-Geräusch die positive Musikuntermalung abbrechen lassen. Vielleicht hebe ich mir das aber auch für die Folgeszene auf. Die ging so:

Zwei Wehen weiter glaubt sie mir, dass mein Kind kommt. Bei der Durchsicht meiner Unterlagen, sagt sie aber: „Ah, Sie hatten einen Kaiserschnitt und jetzt wollen Sie es nochmal auf normalem Weg versuchen.“

ooooccchhh

That’s the spirit! Das ist genau, was ich brauche. Den Eindruck, dass das doch eh nichts wird. Und ich sage Euch was: Mit so einer Hebamme wäre das auch nichts geworden. Es war nämlich in der Tat sogar knapp und wäre ohne eine Beleghebamme, die die ganze Zeit an meiner Seite war, wirklich wieder eine Sectio geworden.

Meine Hebamme kommt und nimmt uns mit in den Belegkreissaal. Ein kleiner Raum, der für die kommenden Stunden unserer sein wird. Ohne Gerenne von hier nach da und nur mit unserer Hebamme. Sie lässt mir ein Bad ein. Muttermund bei 4cm. Yippieh!!! Sie hat mir ein Tuch gegeben, das ich immer wieder in das warme Wasser tun und mir dann auf den Bauch legen kann. Es tut weh, aber ich halte es gut aus. 8cm. Wow! Da bin ich bei Jonas ja schon nicht hingekommen.

Dann holt sie mich aus der Wanne und hat eine Idee, die ich immer noch für schlecht halte und bei einem dritten Kind keinesfalls mitmachen würde. Es ist nämlich auch dieses Mal so, dass mein Kind nicht runter ins Becken will. Es drückt nicht genug von oben auf den Muttermund. Die Idee ist dann immer, doch mal die Fruchtblase zu öffnen, damit das Kind ins Becken rutscht.

Das Kind rutscht davon nicht ins Becken.

Dafür sind die Wehen auf einmal von einer ungeahnten Wucht und der Muttermund wieder bei 6cm. Wie bitte?

Die Wehen sind krass. Ich knie auf dem Bett und kralle mich mit meinen Fingern in den Metallrahmen am Kopfende. Während der Schmerzspitze stelle ich mir vor, ich wäre der Adler bei Yakari. Äh, was? Ja, genau. Dieses Totemtier. Hat mir irgendwie geholfen.

„Immer noch 6cm“. Kind nicht im Becken.

Okay. Seen that, done that. Ich weiß jetzt, wie diese „es zerreißt mich“-Schmerzen sind. PDA bitte.

PDA kommt. PDA sitzt und PDA lässt mich schlafen. Die Hebamme zieht mir Wollsocken an. Sie legt mich unter eine Decke. Christoph schlummert ein wenig. Die Hebamme tippt am Rechner. Ich schlummere. Das war eine bezaubernde kleine Stunde in der tiefen Nacht.

Gegen Morgen wird der Ärzteauftrieb etwas dichter. Mir wird erst hinterher klar, dass die Hebamme dafür kämpft, dass keine Sectio gemacht wird. Christoph hört, wie die Ärztin sagt „Das wird nichts.“ Ich bin währenddessen total guter Dinge. Wieder wach und mit aufgespritzter PDA auf zwei tauben Füßen stehe ich am Bettrand und kreise mein Becken. Ich bin mir sicher, dass mein Kind den Weg rausfinden wird.

Sie bekommt eine Sonde ins Köpfchen gedreht. Die Herztöne sind noch okay.

Ich liege auf der Seite. Und irgendwann sieht die Hebamme Haare. Ich fasse an das Köpfchen. Die Ärztin kommt. Sie drückt mit beiden Armen von oben auf meinen Bauch und sie sagen mir, dass ich bei der nächsten Wehe pressen soll. Und dann presse ich. Ich weiß ganz genau, wohin und ich weiß, dass mein Kind es auch weiß.

Und dann ist sie mit dieser einen Wehe, die ich presse, da.

„Oh Gott, da ist sie“, ruft Christoph an meiner Seite. Und er weint. Und ich staune. Und unser Kind schreit einen lauten Schrei.

Sie legen mir unser Mädchen auf den Bauch.

Christoph darf die Nabelschnur zerschneiden.

Da ist sie.

Ida.

Sie schaut uns aus großen ruhigen Augen an.

Ich habe dieses Kind geboren.

Es ist das wunderbarste kleine Mädchen auf der ganzen weiten Welt.

 

Es hat mir leider auch Risse III. Grades zugefügt und ist daher noch Tage später hier und und da mit Blut verkrustet. Es hatte einen Knoten in der Nabelschnur, der sich zugezogen hatte, als es herauskam. Die Plazenta war in der Tat schon ‚verkalkt‘. Sie hatte weiße kleine Flecken. Und geboren habe ich dieses Kind ohne auch nur das kleinste Fitzelchen Gefühl unterhalb der Schultern. Gedauert hat es neun Stunden. Pipi machen ging hinterher nur mit Katheter. Ich habe viel Blut verloren und musste im Rollstuhl in mein Zimmer gefahren werden. Über die Unannehmlichkeiten, die durch Risse III. Grades in den Wochen nach einer Geburt entstehen, will ich lieber mal gar nichts sagen. Aber wisst Ihr was? Für mich war es die perfekteste Geburt.

Ohne PDA und meine zuversichtliche Hebamme und die Zeit, die ich gebraucht habe, wäre auch dieses Kind im OP zur Welt gekommen. Das wäre auch okay gewesen und soll auch auf keinen Fall heißen, dass es bei allen Sectios mit diesen Zutaten auch spontan gegangen wäre. Manchmal geht es einfach nicht. Meine Hebamme hat hinterher gesagt, dass offenbar in meinem inneren Becken irgendwas besonders ist und dass deshalb die Kinder auch während der Geburt nur schwer ins Becken wollen.

Das mag alles sein. Ich jedenfalls bin glücklich so.

Ein Spaziergang war es nicht. Und „schön“ wäre auch anders. Aber groß und aufregend, das war es.

Furcht. Oder: Warten auf die Geburt nach Kaiserschnitt

So schön die zweite Schwangerschaft ist – je näher der Geburtstermin rückt, desto nervöser werde ich. Meine erste Geburt war ja, hm, also, naja. Also rundheraus gesagt, fand ich so ziemlich alles an der ersten Geburt schrecklich. Ich habe mich ausgeliefert gefühlt. Aber nicht einem Geschehen von roher Naturgewalt, sondern einem Krankenhausbetrieb, in dem Schicht für Schicht alles einfach weiterläuft, während man ergebnislos versucht, ein Kind zu bekommen. Mein Kind kam nicht, und ich habe das von Anfang an gespürt. Die Wehen waren unregelmäßig. Es ging nicht voran. Ich fand die Schmerzen erträglich. Nach 18 Stunden war ich nur unglaublich erschöpft. Und dann kam der Kaiserschnitt. Niemand hatte etwas falsch gemacht. Es ist auch nicht übereilt geschnitten worden. Es war einfach so. Nämlich einfach Pech.

Und dann habe ich das vergessen, weil ich erstens andere Sorgen wie zuwenig Milch hatte und zweitens ein wirklich unglaublich niedliches Baby.

Die Narbe ist so gut verheilt, dass die Ärztin, die die Voruntersuchung für den Lasereingriff wegen des hartnäckigen Pap IIID gemacht hat, sie erst nicht gesehen hat. „Sectio? Wo?“, hat sie ungläubig gemeint. Dann hat sie genau auf den hauchfeinen weißen Strich geschaut, der ungefähr da sitzt, wo mein Bauch anfängt. Also, dieser Kugelbauch. Ihr wisst schon. Den, den man hat, wenn man schlank, aber eben nicht sehr schlank ist. Der, der einen dann doch eher mal die 40 als die 38 probieren lässt (nein, ich bin keine 1,85m  groß und in Wahrheit doch sehr schlank…). Genau unterhalb dieses Bäuchleins liegt ein feiner Strich. Jonas will den manchmal sehen. Es fasziniert ihn sehr, dass er da rausgeschnitten wurde. Auch er muss ganz genau hinsehen, wenn er ihn entdecken will.

Körperlich ist also alles in Butter. Nur der Kopf. Ach, mein Kopf, diese ewig schwächste Stelle an mir. Der will nicht. Der fürchtet sich schrecklich, denn jetzt fällt ihm alles wieder ein.

Etwas muss ganz anders laufen, denke ich mir. Und suche mir in der zehnten Woche eine Beleghebamme. Davon gibt es selbst in unserer an Hebammen reichen Stadt gar nicht so viele. Aber ich finde eine. Ich will nicht der Schicht-Wanderpokal sein. Ich will, dass eine Hebamme mich vom Anfang bis zum meinethalben OP-Ende begleitet. Und das tut eine Beleghebamme. Wir treffen uns, und ich erzähle ihr alles. Von den ICSIs über die Samenspende bis zum Kaiserschnitt. So viel hätte sie gar nicht wissen wollen, vermute ich. War aber für mich wichtig.

Je näher der Entbindungstermin rückt, desto glücklicher bin ich, sie an meiner Seite zu haben. Denn ich bin einerseits die glücklichste Schwangere der Welt, andererseits habe ich eine Riesenscheißangst. Ich mach mir echt ins Hemd. Mir zittern die Knie, und ich weiß nicht, wie ich das nochmal hinter mich bringen soll. Da stehe ich im Schneematsch mit dickem Bauch und mir klappern die Zähne.

Außerdem ist die Plazenta wieder ziemlich stark verkalkt. Und man weiß ja, wie das bei den Waschmaschinen ist. Der Kalk kommt kurz vor dem Bruch. Und dann sind alle doch ziemlich nervös wegen der vorangegangenen Sectio. Sie raten mir keinesfalls zum Kaiserschnitt, würden es aber sofort machen, wenn ich einen wollte. Als ich meiner Nachbarin, die Gyn auf der Entbindungsstation ist, erzähle, dass ich manchmal so einen ziemlich scharfen Schmerz habe, wenn mein Mädchen nach unten drückt, ist sie total nervös und will, dass ich sofort in die Klinik gehe. Tags drauf schallt die Oberärztin ewig rum, um zu sehen, ob die Narbe nicht doch etwas dünn ist. Ist sie nicht. Ich muss aber natürlich trotzdem unterschreiben, dass ich weiß, was bei einer spontanen Geburt nach Sectio so alles passieren kann.

Aber gut. Eine spontane Geburt ohne vorangegangenen Kaiserschnitt ist in Wahrheit meistens auch kein Spaziergang. Lasst Euch das nicht einreden. Wenn es dann doch so ist – wunderbar. Der Rest ist Propaganda, die verschleiern soll, dass wir Säugetiere sind, die ihren Nachwuchs unter Abgang von ziemlich viel schleimigem Zeug aus einer zu engen Öffnung pressen. Da helfen auch Walgesänge und Badewannen und Aromaöle nicht. Und ich glaube auch nicht, dass wir heutzutage bloß zu weit entfernt von ‚unserer Natur‘ sind. In der Natur sind nämlich immer schon reihenweise Mütter bei dieser Angelegenheit auf der Strecke geblieben – da hat auch kein „den Fluss rauschen hören“ oder  „sich vom Ast hängen“ und „in sich hinein horchen“ geholfen. Also, ich will gar nicht sagen, dass eine Geburt nicht auch etwas ganz Tolles sein kann. Aber selbst die Freundinnen, die ihre Kinder zu Hause in zwei Stunden ohne auch nur den winzigsten Riss zur Welt  gebracht haben, erzählen mir im Vertrauen, dass sie kurz vor Entbindung plötzlich eine Riesenangst hatten, dass es sie jetzt zerreißen wird, dass das jetzt das Ende ist. Ich finde nicht, dass man diesen Vorgang unnötig romantisieren sollte, bloß weil er natürlich ist.

Meine Erfahrung jedenfalls ist, dass verflucht viel schief gehen kann bei diesem natürlichen Vorgang.

Und so bin ich einerseits topfit und laufe die vier Kilometer zu den CTG-Terminen. Andererseits habe ich schlimmes Nervenflattern. Jeden Tag wache ich mit dem Gefühl auf, noch einmal drum rum gekommen zu sein. Jeden Tag denke ich mir, „Bitte nicht heute, ich fühle mich zu schwach“.

Vor Entbindung ist Weihnachten. Unsere Familien wohnen weit weg und feiern dort Weihnachten. Unsere Freunde sind bei ihren Familien oder haben selbst Familie, die man an Heiligabend nicht verlässt, um auf unseren Jonas aufzupassen. Unser Auto geht zwischen den Jahren kaputt. Wir erklären Jonas jeden Tag etwas Neues dazu, wer kommt oder wohin er geht, wenn jetzt sein Schwesterchen geboren wird. Mir ist nicht recht klar, wie wir in die Klinik kommen sollen, wenn jetzt das Kind kommt. Und wie Jonas zu den Freunden kommen soll, die ihn bei sich unter den Tannenbaum setzen würden.

Natürlich kommt unser zweites Kind genauso wenig zu früh wie das erste. Und es kommt natürlich auch nicht am Termin. Es kommt auch nicht in der ganzen langen Woche, in der meine Schwägerin da ist, die uns hilft und sehr gern ihre neue Nichte als erste begrüßt hätte.

Übertragen nach Sectio ist übrigens auch ganz was Feines – es droht dann nämlich doch der Kaiserschnitt. Einleiten machen die Krankenhäuser nach Sectio nur äußerst ungern. Rupturgefahr. Ich schlingere also zwischen Verkalkung 3. Grades und „zwei Tage können wir noch zuwarten“ und „bitte, bitte noch nicht“ herum.

Einen Tag vor Abfahrt meiner Schwägerin (=40+4) schaut die Hebamme mal, ob der Muttermund fingerdurchlässig ist. Ist er. Aua. Acht Stunden vor Abfahrt meiner Schwägerin fangen unregelmäßige Wehen an. Na super. Das fängt ja wieder gut an. Ich gehe mit der miesesten, der wirklich allermiesesten „Ich kann es einfach nicht mit dem Kinderkriegen und der Naturgewalt der Geburt“-Laune und einem Körnerkissen schlafen.